Geschichte

  

Lorenz Oken

Lorenz Oken (eigentlich: Okenfuß), geboren 1779 in Bohlsbach; bedeutender Naturforscher, Publizist und Lehrer ist der Namensgeber unserer Schule.
 
Teilnehmer am Wartburgfest. Gründungsrektor der Universität Zürich, Doktorvater des Dichters Georg Büchner. Gestorben 1851 in Zürich.
 
Wir sind stolz auf Lorenz Oken. Er war einer der größten Söhne der Ortenau. Nicht nur als Naturforscher kann er ein Vorbild sein, sondern auch als Mensch mit Mut und Zivilcourage, der seine Professorenstelle in Jena aufgab für seine freiheitlich Gesinnung.
 
Alle seine Schüler liebten ihn auch, weil er ein so hinreißender Lehrer und Vermittler war.
 
Vieles ist bereits über unseren Namensgeber veröffentlicht worden – einiges auch von (ehemaligen) Lehrern unserer Schule. Lorenz Oken war sehr vielseitig und dies wollen wir mit den Aufsätzen verdeutlichen, die im nebenstehenden Menü ausgewählt werden können.
 

Wie Katz und Maus Einblick in ein schwieriges Verhältnis
(Aus dem Offenburger Tagblatt über eine Veranstaltung mit Manfred Zittel, pensionierter Oken-Lehrer)
Offenburg. »Der ganze Mensch ist nur ein Wirbelbein.« Dieser provozierende erste Satz aus Lorenz Okens Antrittsvorlesung 1807 in Jena liefert wohl den Schlüssel für das Verhältnis des Bohlsbacher Mediziners und Naturphilosophen zum damaligen Weimarer Superminister, Dichter und Amateurwissenschaftler Goethe. Denn Oken hatte, ohne von Goethe zu wissen, wenige Wochen vor diesem die damals sensationelle Wirbeltheorie veröffentlicht, nach der sämtliche Schädelknochen des Menschen aus verwandelten Wirbelknochen entstanden.

Goethes Enttäuschung, eine schon 17 Jahre zuvor von ihm gemachte Entdeckung‘ von einem jungen Professor »präoccupiert« zu sehen, muss groß gewesen sein. Von Groll und Hass ist im Tagebuch die Rede; doch es kommt, unverständlicherweise, nie zu einer offenen Aussprache. Goethe schweigt.
Manfred Zittel fand weitere Erklärungen: In dem Frankfurter Bürgersohn und Weimarer Geheimrat und dem aus kleinbäuerlichen Verhältnissen in Bohlsbach stammenden Oken traten sich zwei sozial und wesensmäßig sehr unterschiedliche Persönlichkeiten gegenüber. Zwar hatte sich Dr. Oken schon in Freiburg in »höheren Gesellschaftskreisen« bewegt, aber er war von einer radikalliberalen Einstellung geprägt. Diese zeigte sich besonders deutlich, als Oken vor der Wahl stand, seine Professur oder seine Zeitschrift »Isis« aufzugeben. Oken buckelte vor niemandem, verzichtete lieber auf die materielle Sicherheit des Honorarprofessors und bewahrte sich seine Freiheit des Denkens und Handelns.
Goethe hingegen war konservativ, allem Revolutionären abgeneigt. Als Exzellenz in Weimar umgab er sich mit konzilianten Jasagern. Der wohl ziemlich schroffe, in seinen Augen »unartige« Bohlsbacher passte da nicht hin. Nur kurze Zeit (1808/09),gelang eine Annäherung — in der gemeinsamen Polemik gegen Newtons Optik.
Unterschiedliche Vorstellungen hatten laut Zittel beide auch als Naturforscher. Goethe suchte in allem die zugrunde liegende Idee, Oken war exakter Naturwissenschaftler und romantischer Naturphilosoph zugleich. Vielleicht spielte auch Okens Kleinwüchsigkeit gegenüber Goethes Körpergröße eine unterbewusste Rolle.
Zittels Essay liegen die neuesten Materialien zugrunde. Er will, trotz aller Verehrung, nichts beschönigen am teilweise recht unrühmlichen Verhalten der (offen oder verdeckt) rachsüchtigen Kontrahenten. So entsteht ein höchst informatives Bild der Begegnung zweier starker Persönlichkeiten vor dem Hintergrund jener Epoche, deren geistige Oberzentren Weimar und Jena waren.
B. GRETHER
 

(Von Peter Bertau, ehemaliger Chemie- und Biologielehrer am Oken-Gymnasium)
Am 11. August 2001 jährte sich zum 150. Mal der Todestag von Lorenz Oken. Oken? Muss man ihn kennen? Man muss nicht; und wenn man mal in Offenburg, wo es eine Oken-Straße und ein Oken-Gymnasium gibt, oder in seinem Geburtsort Bohlsbach, heute einem Offenburger Stadtteil, nachfragt, erhält man eher zögernde oder „Ich weiß nicht“-Antworten. Das ist sehr schade, handelt es sich doch um einen Gelehrten, der sich selbst als Naturphilosophen bezeichnete und der sehr viel bewegt hat, mehr in den Naturwissenschaften als in der Naturphilosophie. Er war über alle Maßen als Universitätslehrer beliebt und geachtet und in allen gesellschaftlichen Kreisen wurde nur hochachtungsvoll über ihn gesprochen.
 
Auch ich habe über viele Jahre wenig über Lorenz Oken gewusst, obwohl ich schon sehr lange am Offenburger Oken-Gymnasium unterrichte. Als es an die Gestaltung der Feierlichkeiten anlässlich des erwähnten Todestages ging, meldete ich mich für ein Projekt. Punkt. Mir würde schon etwas einfallen. Und es fiel mir soviel ein, dass aus einem Projekt vier wurden und dass ich selber von Lorenz Oken so gefangen war, dass ich nicht wieder loskam und wohl auf absehbare Zeit nicht loskommen werde.
 
Wer war dieser Mann, der noch vor hundert Jahren so hochgeachtet war und den man vielleicht nur deshalb vergessen hat, weil er keine bahnbrechenden Entdeckungen gemacht hat?
Er war z.B. der, der Begriffe wie Nesthocker, Nestflüchter, Lurche oder Kerfe geprägt hat, Begriffe, die heute jeder kennt. Er hat die Zelle entdeckt, aber wissenschaftlich nicht abgesichert. Theodor Schwann und Matthias Schleiden taten das viele Jahre später, 1838 und ernteten dafür ewigen Ruhm.
 
Oken hat in einem frühen Werk über die Zeugung vor allen anderen erkannt, dass Eizelle und Spermium zu einer einzigen neuen Zelle verschmelzen, von der aus die Entwicklung zu einem neuen Lebewesen ihren Anfang nimmt. Ewiger Ruhm? Fehlanzeige. Wieder fehlte die wissenschaftliche Absicherung.
 
Und wie er zu ewigem Ruhm hätte kommen können! Mein Eindruck nach einem intensiven Oken-Jahr: Oken war ganz nahe dran an dem, was wir heute Evolutionslehre nennen. Es ist müßig, Wenns und Wenn-Nichts aufzuführen, etwas „Frust‘ bleibt trotzdem.
Der Philosoph Friedrich Engels hat Ende des 18. Jahrhunderts in deftiger Sprache über Oken gegrantelt: „Bei Oken tritt der Unsinn hervor, der entstanden aus dem Dualismus zwischen Naturwissenschaft und Philosophie. Oken entdeckt auf dem Gedankenweg das Protoplasma und die Zelle, aber es fällt niemand ein, die Sache naturwissenschaftlich zu verfolgen – das Denken soll’s leisten!, Und als Protoplasma und Zelle entdeckt werden, ist Oken im allgemeinen Verschiss!‘
Und noch jemand ging mit Oken, dessen Genie er bestimmt erkannt hatte, wohl gerade deshalb hart ins Gericht. Der berühmte Chemiker Justus von Liebig setzte sich mit den Naturphilosophen um Schelling auseinander und nannte Oken einen von jenen „Schwindlern, die den ersten Grundsatz der Naturforschung und Philosophie, nur das Beweisbare und Bewiesene. für wahr gelten zu lassen, auf die gewissenloseste Art verletzten.“
 
Lorenz Oken wuchs unter ärmlichsten Bedingungen im Dorf Bohlsbach auf, wo er 1779 unter dem Namen Laurentius Okenfuß getauft wurde (den -fuß hat er später „verloren“, schon 1802 nannte er sich erstmals Oken). Mit viel Glück und Unterstützung des Dorfpfarrers konnte der aussergewöhnlich begabte Junge die Schule in Offenburg besuchen und nach dem frühen Tod seiner Eltern die in Baden-Baden.
 
Ab 1800 studierte er unter schwierigsten Bedingungen in Freiburg Medizin und Naturwissenschaften. 1804 schloss er mit der Promotion ab und ging zum Weiterstudium nach Würzburg, wo er sich dem Naturphilosophen Friedrich Wilhelm Schelling anschloss. In dieser Zeit erschien „Die Zeugung“, sein erstes größeres Werk, nach dem kurzen „Grundriss der Naturphilosophie“ (1802 ). Oken war damals so arm, dass er über jede Unterstützung froh sein musste, auch über die von Schelling, der ihn zudem 1805 dem Göttinger Anatom Professor Blumenbach empfahl.
 
In Göttingen erhielt Oken nach seiner Habilitation eine Privat-Dozentur, innerhalb derer er viel beachtete Vorlesungen über Naturgeschichte und Naturphilosophie hielt. Schnell wurde er das, was man heute. „Shooting star“ nennt: Er war schon bald als Lehrer sehr beliebt und als Wissenschaftler geachtet.
 
In Göttingen geschah dann, was Okens Leben in den kommenden Jahren stark beeinflussen sollte. Auf einer Exkursion im Harz fand er den gebleichten Schädel einer Hirschkuh. „Aufgehoben, umgekehrt, angesehen und es war geschehen. Es ist eine Wirbelsäule, fuhr es mir wie ein Blitz durch Mark und Bein…“. Oken formulierte daraus die sogenannte Wirbeltheorie, die besagt, dass sich der gesamte Schädel aus umgestalteten Wirbeln entwickelt hat. In heutigen Lehrbüchern steht, dass lediglich an der Entwicklung der Hinterhauptsregion 3 Wirbel beteiligt waren („Dreiwirbelregion“).
Aus seiner Entdeckung machte Oken seine Antrittsvorlesung, als er 1807 dem Ruf an die Universität Jena folgte. Nichtahnend, dass er damit in ein Wespennest trat. Nichtahnend, dass er damit in ein Wespennest trat. Kein geringerer als der Dichterfürst und Gelehrte Johann Wolfgang Goethe hatte dasselbe nämlich schon 15 Jahre früher bei einem Fund in Italien herausgefunden. Nur hatte er diese Erkenntnis nicht veröffentlicht. Da er aber in kleinen privaten Kreisen durchaus darüber diskutiert hatte, war er der unumstößlichen Meinung, Oken habe davon erfahren und sich mit fremden Federn geschmückt.
 
Und es kam noch schlimmer: Goethe stellte als erster fest (schon 1784), dass es beim Menschen die Anlage zum Zwischenkiefer gibt und dass sich deshalb der Mensch durchaus nicht wegen des Fehlens des Zwischenkieferknochens vom Tier unterscheidet. Wieder behielt er diesen Fund viel zu lange für sich, wieder hatte Oken dasselbe – allerdings viel später – und unabhängig von Goethe entdeckt, wieder hatte Oken früher veröffentlicht was für wissenschaftliche Entdeckungen allerdings auch der üblich Weg war und heute noch ist.
 
Goethe lebte in Weimar, nur wenige Kilometer von Jena entfernt und hatte (er war Ende Fünfzig ) noch immer großen politischen Einfluss. Oken war deshalb in gewissem Maße vom Wohlwollen Goethes abhängig, was die ersten Jahre in Jena für ihn folglich nicht einfach machte.
Dazu kam, dass Oken alles andere als ein einfacher Mensch war! Er wurde auch in Jena schnell der beliebte Lehrer, er veröffentlichte eine Reihe von Büchern über Naturphilosophie und Naturgeschichte, er wurde aber auch politisch tätig, und das überhaupt nicht im Sinne des Politikers Goethe. Ab 1816 erschien ( bis 1848 ) seine Zeitschrift „Isis“, in der zum einen alle Wissenschaftler, ausser Theologen und Juristen, die Gelegenheit hatten, ihre Entdeckungen einer breiteren Öffentlichkeit kundzutun, in der aber durchaus auch brisante politische Themen erörtert wurden. Und das sehr zu Missfallen von Goethe, der von der hier praktizierten Pressefreiheit nichts hielt.
 
Fast war es logisch, dass sich Oken irgendwann einmal zu entscheiden hatte: Entweder die „Isis“ oder die Professur. 1819 entschied er sich für die „Isis“ , von deren Erträgen er jahrelang lebte. 1822 rief Oken die „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“ ins Leben, die es heute noch gibt und die 2002 in Halle ihre 122. Versammlung abhalten wird.
 
Eine der großen Leistungen Okens war der Versuch, eine deutsche naturwissenschaftliche Fachsprache zu begründen. Die Fachbücher seiner Zeit gab es, wenn nicht in lateinischer, meist in englischer und französischer Sprache. Die Namen der Pflanzen und Tiere waren überwiegend lateinisch. Deutsche Namen existierten nur für die bekannteren Tiere und Pflanzen und auch da variierten die Benennungen oft stark nach Landschaften. Wissenschaftler anderer Länder machten sich daran, die lateinischen Begriffe in ihre jeweiligen Landessprachen zu übersetzen. Auch in Deutschland war man in dieser Hinsicht nicht untätig, wenn auch noch nicht sehr erfolgreich.
Oken ging nicht so vor wie andere, er machte sich mit ganz eigenen Vorstellungen an die Aufgabe. Oken wollte ganz neue Begriffe schaffen, nicht einfach Übersetzungen. Und diese neuen Begriffe sollten Auskunft über die systematische Stellung der jeweiligen Art geben. Dabei hat er den einzelnen Arten selber keine neuen Namen zugeteilt, er suchte ausschließlich nur welche für systematische Gruppierungen.
 
Oken war auch hier enorm kreativ, allerdings wohl auch etwas realitätsfern. Weit über 1000 neue Wörter hat er geschaffen, mit denen er sich auch viel Spott eingefangen hat, von Goethe bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts. Man sollte aber auch wissen, dass sich eine ganze Reihe von Begriffen, die Oken erfunden hat, in unserer heutigen Sprache durchgesetzt haben. Einige Beispiele seien genannt: Kerfe für Insekten, Lurche für Frösche und Kröten, Echsen, Schleichen (aber nicht: Blindschleiche), Vieh, Nesthocker oder Nestflüchter. Vögel benennt Oken mit uns geläufigen Begriffen, wie z.B. Schnäpper, Sänger, Würger…
 
Einige Beispiele für Begriffe, die sich nicht erhalten haben: Ilke für Marder, Focker für Reiher, Gauch für Kuckuck (dieser Begriff ist wohl nicht ganz verschwunden), Gaupe für Hühner, Köter für Raubtiere (das Wort selbst gab es schon!), Bolke für Wirbeltiere, Mile für Einzeller („Infusorien“ ) oder Sucke für Säugetiere.
Oken hat seine Wortschöpfungen in seiner Naturphilosophie von 1808 und in seiner dreibändigen Naturgeschichte von 1813-16 vorgestellt und sie benutzt. Er hat aber in seinen späteren Werken nur noch wenig davon verwendet.
 
Abschließend hierzu ein kleines Gedicht, das Goethe 1809 als „Versus memoriales“ auf Okens „Natürliches System der Erze“ geschrieben hat:
Flinze, wenig Erz enthalten’s
Halde! Nu! die sind Gesalzen’s,
Malme, sind gut durchsotten,
Gelfe, hätten’s bald getroffen.
So mit mancherlei Gescherze,
Hätten wir die alten Erze.
 
1827-32 war Oken Professor in München und wurde 1833 Gründungsrektor der Universität Zürich. In Zürich starb er 1851. Seine politische Betätigung hatte er aber schon früher aufgegeben und sich ganz auf die naturwissenschaftliche Forschung konzentriert. Er war enorm fleißig – nur so ist es erklärlich, dass er ein Werk wie seine „Naturgeschichte für alle Stände“ schaffen konnte. Niemand hat es nach ihm noch einmal geschafft, als alleiniger Verfasser eine so umfassende Beschreibung der Natur zu liefern!
 
Okens 13-bändiges Werk beginnt mit der Mineralogie und endet beim Menschen. Das erste Buch erschien 1833, „Des Thierreichs erster Band“, das letzte, ein großer Bildband, 1843. Dieses Werk „für alle Stände“ war auch eines, das alle lesen konnten, das sehr verbreitet war – und das man heute auch noch lesen kann. Auch aus heutiger Sicht ist die Sprache einfach, verständlich und der Inhalt oft hochinteressant. Seitenweise kann man Über die essbaren Schwalbennester lesen oder man erfährt, wie man kranke Vögel behandelt, welche Vögel wie- schmecken und in welcher Zahl gefangen wurden: In der damaligen Zeit war der Vogelfang noch eine wichtige Erwerbsquelle – unvorstellbar für uns, die wir doch mit dem Willen leben, Vögel und andere Tiere zu schützen und zu erhalten. Man erfährt aber auch Geschichten, die ins Reich der Fabel gehören: Ein Lämmergeier habe einen Hirtenbuben im Kanton Schwyz von einem Felsen gestürzt und ihn gefressen!
Man liest auch: Im Kaukasus habe man die Nester des Kaiseradlers angezündet, um Prometheus zu rächen. Bekanntlich stahl Prometheus den Göttern das Feuer und schenkte es den Menschen. Zur Strafe ließ ihn Zeus an einen Felsen im Kaukasus schmieden, wo ein Adler seine immer wieder nachwachsende Leber zerfleischte.
 
Um den Strauss mit einem schnellen Pferd einzuholen, muss man alle Mühe anwenden, besonders in einer Gegend, wo viele Maulwurfshaufen sind, in weiche das Pferd trabt und stürzt. Wofern man den Strauss erreicht und einholt, so versteckt er seinen Kopf und mutmaßet vielleicht, man sähe ihn nicht, weil er selber niemanden mehr sieht. Oder aber, er schämt sich vielmehr, dass er den Streit verloren hat und nun unterliegen müsse. Er wird allgemein für dumm gehalten.
Und wer weiß schon, wie man als Reiter sein Leben retten kann, wenn ein Löwe angreift.- Abspringen, dem Pferd eine Klaps geben – der Löwe verfolgt das Pferd, nicht den Menschen.
Diese kleinen Beispiele sollen zum Lesen anregen, wobei man dann schnell merkt, dass es durchaus sehr ernste, weiterbildende Bücher sind, die Oken geschrieben hat. Er zitiert zu Hauf und überaus engagiert Berichte ab der Zeit von Homer oder Plinius bis zu denen Reisender und Forscher seiner Zeit, um dem Leser einen möglichst umfassenden Eindruck über die Natur und die Lebewesen zu vermitteln.
 
Man wird es heute schwer haben, ähnlich ausführliche Tierberichte zu finden wie bei Oken, der mit enormem Fleiß verschiedenste Quellen studiert und angeführt hat. Okens Naturgeschichte ist nicht mehr mit heutigen Büchern zu vergleichen, in denen viel sachlicher, wissenschaftlicher und durchaus nicht immer interessanter über Tiere und Pflanzen geschrieben wird. Das, was das Volk früher erzählt hat, was man damals lesen konnte, das erfährt man in den Büchern Okens. Und wer das mag, wer noch nicht der Nüchternheit unserer Zeit erlegen ist, der wird viel Spaß beim Lesen haben, der wird aber auch vieles lernen, was heute nicht in den Büchern steht, weil „man es nicht mehr hineinschreibt“.
 
Das Problem, das der Lesewillige, der nun Neugierige, jetzt bekommt: Den „Oken“ gibt es in kaum einer Bücherei mehr. Auf eine Neuauflage zu hoffen, ist sehr verwegen. Vielleicht traut sich aber doch mal jemand an diese Aufgabe heran – zu wünschen wäre es. Solange kauft sich der Idealist sein Okenbuch antiquarisch. Im Internet z.B. werden die Bücher reichlich angeboten. Mit etwas Glück erhält man eins schon für etwa 50 -70 DM.
 
Und wie beschäftigt man sich so ausführlich mit Oken? Es gibt mehrere Möglichkeiten – „Oken in seiner Zeit“ oder „Okens Verhältnis zu Goethe“ oder „Oken und die Isis“ und so weiter. Ich selber habe etwas ganz anderes gemacht. Beim Lesen in Okens Vogelbuch hat mich gestört, dass mir die dort verwendeten Vogelnamen teilweise nicht geläufig waren. Bei der Präsentation der Vogeltafeln aus dem Bildband, vorgesehen im Rahmen des schulischen Projekts, sollte der Betrachter aber die heute üblichen Vogelnamen lesen können. Also machte ich mich ans Übertragen der deutschen und der wissenschaftlichen Vogelnamen aus der damaligen Zeit in die heutige. Das erwies sich nach Anfangserfolgen als immer schwieriger, motivierte aber so sehr zum Weitermachen, dass ich mich an das gesamte Vogelwerk von Oken machte. Von den etwa 670 dort aufgeführten Vögeln habe ich bis auf 5 alle herausbekommen. Die Arbeit war langwierig, fast kriminalistisch, hat aber viel Spaß gemacht.
 
Wem das nutzen soll? Während der Arbeit war mir dieses Problem eigentlich nicht so wichtig, jetzt denke ich etwas anders darüber: Wer sich für alte Vogelnamen interessiert, wer wissen möchte, wo man einmal welchen Vogel wie nannte, wird einiges erfahren können. Wen die Systematik zu Beginn des 19.Jahrhunderts interessiert und was Oken daraus machte, erhält hier Antworten. Wer wissen will, welchen Verwandtschaftskreisen man die jeweiligen Vögel damals zuordnete und mit dem heutigen Stand vergleicht, kann sich Anregungen holen. Oder ganz einfach: Wer im Oken-Buch liest oder sich die Bildtafeln des großen Bildbandes betrachtet, erhält Hilfe.
 
Für mich persönlich fiel noch viel mehr ab: Ich habe den Wissenschaftler, z.T. auch den Menschen Lorenz Oken und die Zeit, in der er wirkte, sehr viel besser kennen gelernt. Solche Arbeit mit der Vergangenheit führt zudem zu einer enormen Erweiterung des eigenen Horizontes. Darüber hinaus habe ich über die Vogelwelt viel gelernt und besitze nun Bücher, von deren Existenz ich vorher nichts wusste. Und: Ich habe den Wert alter Bücher wieder einmal kennen gelernt. So haben mir die Vogelbände von Brehms Tierleben (1911-13) oder das Buch von Ruß über „Fremdländische Stubenvögel“ (1901) sehr oft weitergeholfen, wenn ich in der moderneren Literatur an Grenzen gestoßen war.
 

(Von OStD Jürgen Blum. Jürgen Blum unterrichtete Chemie und Biologie am Oken-Gymnasium und war von 1998-2005 Direktor am Einstein-Gymnasium in Kehl.)

Die Männer und Frauen, welche die Basis unseres Wissens schaffen und verbreitern, versinken meist schon bald in der Anonymität. So haben Umfragen in unserer Schule und in der Stadt gezeigt, dass Lorenz Oken hier keine Ausnahme macht. ‚Gründer des Oken-Gymnasiums‘, ‚der erste Direktor dieser Schule‘, so oder ähnlich lauteten die Antworten. Selbst die meisten Biologiestudenten kennen heute weder seinen Namen, noch seine Bedeutung.
 
Will man das Verdienst Okens um die Naturwissenschaften, speziell die Zoologie verstehen und würdigen, dann geht dies nicht, ohne die Situation der verschiedenen Disziplinen zu jener Zeit näher zu kennen.
 
Lassen Sie uns gemeinsam — wenn auch nur im Geiste — eine Zeitreise machen, zurück ins 18. und 19. Jahrhundert und dort mit dem Zeitfahrstuhl ein wenig auf- und abfahren.
 
Es ist eine Periode großer Umwälzungen — nicht nur politisch. Bisher dogmatisch verkündete Lehren wie Präformationstheorie, Vitalismus werden angezweifelt, widerlegt. Auch die Sonderstellung des Menschen außerhalb des Organismenreiches wird immer stärker in Frage gestellt. Zu groß ist die Fülle der Indizien, die dafür sprechen, dass der Mensch biologisch in das Tierreich einzuordnen ist.
 
Ein Jahr vor Okens Geburt schließt der Schwede Karl von Linné für immer die Augen. Er gilt als einer der Begründer der biologischen Wissenschaften. 1735 erscheint sein Systema naturae er beschreibt darin eine Fülle von Pflanzen und Tieren, gibt jeder Art einen Gattungs- und Artnamen, ist Somit Schöpfer der noch heute verwendeten binären Nomenklatur. Linné ordnet Pflanzen- und Tierreich und führt Bestimmungsschlüssel für Pflanzen nach sexuellen Merkmalen ein. Er hält die Arten für unveränderlich, Fossilien interessieren ihn nicht, die Menschenaffen hält er für zurückgebliebene Menschen, den Menschen selbst stellt er an die Spitze des Tierreichs.
 
Sein Widersacher in Frankreich, der ebenso eitle wie geniale Graf Buffon, hält die Arten nicht für unveränderlich, er ist der Begründer der paläontologischen Wissenschaft. Buffon und seine Schüler beherrschen für 4 Generationen von 1750 bis 1860 die Biologie — nicht nur in Frankreich. Buffon ist der erste Naturwissenschaftler, der es wagt, biblische Chronologie zu sprengen. In seinem Heimatland wird durch ihn die Biologie zur Mode. In gebildeten Kreisen wird es üblich, sich abends zu naturwissenschaftlichen Zirkeln zu treffen. Ein allgemeiner Aufschwung ist die Folge.
 
Die Chemie ist um die Jahrhundertwende schon eine exakte Wissenschaft, auf breiter Front wird quantitativ gearbeitet. Einer der großen Chemiker ist der Schwede Berzelius. Er ist im gleichen Jahr geboren wie Lorenz Oken, also 1779, er ist noch Vitalist. Seine Aussage: „Es wird uns Chemikern niemals gelingen, aus anorganischer Materie organische zu synthetisieren, wie Zucker oder Harnstoff, denn dazu ist eine besondere Kraft notwendig, die Lebenskraft und diese ist in allen Lebewesen am Wirken, nicht jedoch im Reagenzglas.“ Sein berühmter Schüler Friedrich Wöhler überzeugt ihn schrittweise vom Gegenteil. Als Oken in München Physiologie lehrt, 1828, stellt Wöhler Harnstoff aus anorganischem Material her und schreibt ehrerbietig an seinen Lehrer Berzelius: „Ich muß Ihnen mitteilen, dass es mir gelungen ist, Harnstoff herzustellen, ohne dazu ein Tier, eine Niere oder Urin zu benützen“.
 
Eine Probe legt er gleich bei. Dies ist der Durchbruch, die wichtigste Bastion der Vitalisten ist gefallen.
 
Unter Buffons berühmten Schülern Lamarck, St. Hilaire und Cuvier ist es besonders Cuvier, der Zoologie, Geologie und Paläontologie in den Rang exakter wissenschaftlicher Disziplinen erhebt. Er entwickelt die Grundlage für eine brauchbare Chronologie der Erdzeitalter und ihrer Lebewesen, fördert die vergleichende Anatomie und unter seiner Anleitung verwandeln sich die bisherigen Raritäten- und Kuriositätenkabinette des Landes in wissenschaftliche Sammlungen und seriöse Forschungsstätten. Seine Schwäche ist das Dogma: „Fossile Menschen gibt es nicht“. Also auch hier noch der Versuch, dem Menschen die Sonderstellung zu bewahren. Cuvier ist 10 Jahre jünger als Oken, wird sehr früh berühmt. Beide lernen sich kennen, als Oken drei Jahre nach seiner Entlassung in Jena einer Einladung des großen Franzosen nach Paris folgt und dort, in den von Cuvier geleiteten Pflanzengärten, Studien betreibt.
 
In Deutschland ist es um die Zoologie zur Jahrhundertwende nicht gut bestellt, sie ist angesiedelt in den medizinischen Fakultäten und durch die Kleinstaaterei können für dieses Anhängsel kaum irgendwo nennenswerte Mittel aufgebracht werden.
 
 

Lorenz Oken – der Naturphilosoph

Die Zoologie verdankt ihren Aufschwung in Deutschland den Naturphilosophen, allen voran Lorenz Oken. Dies scheint ein Widerspruch zu sein, da die Naturphilosophen mit dem Hauptvertreter Schelling die Empirie verabscheuen. Nicht aus dem Experiment, nicht aus der Naturbeobachtung will man Schlüsse ziehen, Schelling maßt sich an, die natürliche Welt aus der geistigen ableiten zu können. Zuerst wird ein Gedankengebäude errichtet, die Naturbeobachtungen haben dem zu entsprechen. Das hohe Ziel, die Ergründung der göttlichen Ideen, nach denen die Welt der Erscheinungen geordnet ist, will man mit Phantasie und Deduktion mühelos erreichen. Solches Dogma erzeugt an den Universitäten einen wahren Massenwahn. Aber es fehlt nicht an warnenden Stimmen, so klagt Rudolphi 1812: “ … Jünglinge, die Ihr dieses leset, vom Glauben kommt Ihr nie gleich zur Wahrheit, nur die Zweifel führen Euch dahin!“
 
Aber vergeblich, selbst Justus von Liebig, später unser größter Chemiker, ist 1821/22 als Student in Erlangen der Gewalt von Schellings Beredsamkeit erlegen: „Ich brachte einen Teil meiner Studienzeit auf einer Universität zu, wo der größte Philosoph und Metaphysiker des Jahrhunderts die studierende Jugend zur Bewunderung und Nachahmung hinriss. Wer konnte sich damals vor Ansteckung sichern? Auch ich habe diese an Worten und Ideen so reiche, an wahrem Wissen und gediegenen Studien so arme Periode durchlebt, sie hat mich um zwei Jahre meines Lebens gebracht, ich kann den Schreck und das Entsetzen nicht schildern, als ich aus diesem Taumel zu Bewusstsein erwachte.“
 
Kein Wunder, dass viele Zoologen zeitlebens der Naturphilosophie verhaftet bleiben, besonders nachdem Schelling in Lorenz Oken seinen naturwissenschaftlichen Partner gefunden hat. Nach Liebig ist Oken — ich zitiere: “ … auch einer von jenen Schwindlern, die den ersten Grundsatz der Naturforschung und Philosophie nur das Beweisbare und Bewiesene für wahr gelten zu lassen, auf die gewissenloseste Art verletzen.“
 
Hier tut Liebig Oken sicher Unrecht, denn unter den Naturphilosphen ist Oken gerade derjenige, der im Gegensatz zur idealistischen Naturphilosophie, auch die Vielfalt der Realien beachtet und Sinn hat für die Beschreibung der Organismen und Vorgänge in der Natur. Mit zunehmendem Erfolg und wachsender Einsicht tritt diese Seite seines Wesens immer stärker hervor. Außerdem löst sich Oken schon bald vom Dogma Schellings, da er erkennt, dass das Experiment, die Beobachtung im Vordergrund stehen müssen. So sagt er 1806: „Den Geist zu finden sei unser höchstes Ziel, nicht erstes. Das Experiment ist das erste. Ohne Experiment, die empirische Erfahrung, ist die Naturphilosophie vag, ohne Stütze.“
 
Zu dieser Einsicht hat sicher auch sein verehrter Lehrer Ecker in Freiburg beigetragen, der Oken 1804 von der Veröffentlichung seines Grundriss der Naturphilosophie abrät und herbe Worte der Kritik gegen das naturphilosophische Schaffen Okens richtet.
 
Durch Fleiß und Talent hat sich Oken die Zuneigung seiner Freiburger Lehrer erworben und man möchte ihn im Lager der Zoologie behalten, ihn nicht an die Naturphilosophie verlieren.
Oken kommt als junger Student, unabhängig, von Schelling, zur Naturphilosophie. Es ist sein Bestreben, die belebte und unbelebte Natur nicht nur auf rationalem Wege, sondern gleichsam intuitiv als Ganzes, wie ein Kunstwerk zu erfassen.
 
Dies ist nicht nur ein Anliegen Okens, sondern viele Denker dieser Zeit kennzeichnet dieses Harmoniebedürfnis, das Vereinen-Wollen von theologischer und naturwissenschaftlicher Sicht. Auch für Goethe ist es ein Leitmotiv seines Schaffens.
 
Oken schwört in späteren Jahren nicht der Naturphilosophie ab, so liest er auch in den letzten Lebensjahren in Zürich noch Naturphilosophie.
 
Im Sommer 1804, mit 25 Jahren, promoviert Lorenz Oken in Freiburg zum Doktor der Medizin. Schon im November des gleichen Jahres geht er mit geliehenem Geld nach Würzburg zu Schelling. Um Spöttereien nicht länger ausgesetzt zu sein, hat er schon früh seinen Namen von Okenfuß in Oken geändert. Er hört bei dem nur wenige Jahre älteren Schelling, mit dem ihn eine tiefe Sympathie verbindet, Naturphilosophie, bei Döllinger Physiologie. Döllinger, zunächst ein Anhänger Schellings, wird bald ein bedeutender Vertreter der Empirie, Er lehrt Oken den Gebrauch den Mikroskops und die exakte Beobachtung. Also auch hier in Würzburg arbeitet Oken zweigleisig. Naturphilosophie und Naturwissenschaft sind für ihn jedoch nicht zwei getrennte Sachgebiete, sie ergänzen sich, fließen ineinander über. Nach eigenem Zeugnis sind bei ihm Spekulation und Wirklichkeitssinn in harmonischer Beziehung.
 
Zum Begriff Spekulation: Einerseits dürfen wir nicht vergessen, dass die Naturwissenschaftler nicht nur Verwalter für Daten und Fakten sind, sondern nur der darf sich Naturwissenschaftler nennen, der vom Bekannten, vom Erarbeiteten auf das Unbekannte schließt. Mögen die Schlüsse oft kühn sein, je nach Phantasie und Temperament, ohne diese Art von Spekulation kämen wir nur schleichend zu neuen Erkenntnissen. Spekulation ist also mehr im Sinne von Intuition zu verstehen.
 
Andererseits wecken viele von Okens Gedanken Widerspruch, erweisen sich als irrig und haben hie und da auch den Charakter des Seltsamen, Er vertritt zum Beispiel die Meinung, das Weib stehe eine Tierklasse tiefer als der Mann oder der Mensch sei das große Endziel der schaffenden Natur. 1815 verkündet Oken in seinem Lehrbuch der Naturgeschichte „Der Mensch ist Maß und Messer der Schöpfung, sein Leib mithin Maß und Messer der Tierleiber.“ Hier lehnt Goethe, der den Naturwissenschaftler Oken achtet, entschieden ab. Vier Organsysteme habe der Mensch, liest man im gleichen Lehrbuch, Eingeweide, Knochen, Muskeln und Nerven, also gäbe es ebensoviele Hauptklassen der Tiere. Zahlen ziehen Oken magisch an, er sucht ständig nach Analogien, gerät dabei in manche Sackgasse.
 
In Würzburg hungert sich Oken durch, Schelling kann ihm nicht helfen, er lobt ihn nach Göttingen zu Blumenbach, dort solle er seine Theorie der Sinne vervollkommnen. Blumenbach ist der beherrschende Anthropologe Deutschlands, bei ihm hört Oken vergleichende Anatomie. Oken, ungeheuer fleißig, von der Wissenschaft besessen und sprühend von Ideen, fällt auf, schon nach kurzer Zeit verschafft ihm Blumenbach eine Dozentenstelle. Nur mit diesem Hintergrund und der großen Toleranz der Göttinger lässt sich verstehen, dass man Oken in Göttingen duldet, erträgt, denn in seinem Drang nach Erkenntnis legt er sich mit den etablierten Gelehrten der ehrwürdigen Universität an, wird häufiger geradezu frech, man bescheinigt ihm Freude am Ärger, Lust am Streiten. Zeitweise hält man ihn in Göttingen für einen Verrückten und laut Zeitgenossen sieht er entsprechend aus. Braun gebranntes Gesicht, darüber schwarze zerzauste Locken, die Stimme rauh und hastig, gefärbt vom alemannischen Dialekt, beim Diskutieren legt er es darauf an, Händel zu suchen.

 
Zoologisches Schaffen in der Zeit Jena

1805 erscheint eine Darstellung Okens über die Zeugung, darin bezichtigt er die Präformationstherorie des Widerspruchs gegen die Gesetze der Naturentwicklung. Die Hauptvertreter der Präformationstheorie behaupten nach wie vor, in einer Keimzelle sei die künftige Organisation eines Tieres schon enthalten, sie müßte sich nur noch entfalten, aus den Schalen hüllen. Zuerst heißt es, Eva trage in ihren Eizellen wohl verschachtelt die kommenden Generationen, der Samen des Mannes habe nur die Rolle des auslösenden Reizes.
 
Diese Ansicht darf aber schon deshalb nicht gelten, weil sie die Bedeutung des Mannes in infamer Weise reduziert. Der Mann ist es vielmehr, der schon alle kommenden Geschlechter in sich trägt und jede Samenzelle enthält einen fertigen kleinen Menschen, den Homunculus, lautet die neue Forderung.
 
Oken legt nun im Gegensatz dazu seine Bläschentheorie vor, wonach die Basis der organischen Welt eine Unendlichkeit von Bläschen darstellt; jedes Bläschen besteht aus dem Urschleim, einer flüssigen Kugel mit fester Hülle. Diese Gebilde nennt Oken Infusorien. Pflanzen und Tiere sind nur Umwandlungen daraus. Oken lässt seine Infusorien durch Urzeugung entstehen, sie werden erschaffen, alles Größere entwickelt sich daraus im Sinne einer Metamorphose. Diese These hat nicht nur Goethe übernommen, der den Begriff Urschleim in Faust II verwendet, vor allem die Biologie profitiert.
 
Hier ist die Vorstufe der Zellenlehre zu sehen, die dann in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts von Schwann und Schleiden ausgebaut wird. Die Begriffe Urschleim, Infusorien, werden bleibendes Gut unserer Sprache, der Begriff Zelle wird von Oken erstmals geprägt.
 
Im Zuge seiner entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten studiert Lorenz Oken die Embryonen von Säugetieren und dem Menschen. Er sammelt wichtige Erkenntnisse und macht eine Reihe von Entdeckungen, die den berühmten Zoologen Karl Ernst von Baer später veranlassen, Oken im Vorwort zu seiner Entwicklungsgeschichte der Tiere nicht nur lobend zu erwähnen, sondern ihm zu bescheinigen, dass er durch seine hervorragenden Beobachtungen die Erkenntnisse der Entwicklungsgeschichte unendlich gefördert hat, seine Untersuchungen den Wendepunkt für die richtige Erkenntnis des Säugetier-Eies bedeuten.
 
Zurück zu Blumenbach nach Göttingen. Es geht wieder einmal um die Sonderstellung des Menschen. Blumenbach glaubt, der Mensch besitze keinen Zwischenkieferknochen und unterscheide sich darin generell von allen Säugetieren. So schließt er eine seiner Vorlesungen mit den Worten: „… der Mangel dieses Zwischenkieferknochens, des Os intermaxillare, ist Charakter der Humanität; der Mensch hat gewiss keinen, nur der Hund hat einen Zwischenkiefer.“ Anschließend im Praktikum, beim Kochen eines Bärenschädels in Lauge, fällt nicht wie erwartet das Os intermaxillare aus dem Knochenverband; es löst sich nicht heraus, da es hier sehr stark mit den benachbarten Knochen verzahnt ist, jedoch lässt es sich an Hand der Nähte nachweisen. Für Blumenbach ist die Situation fast peinlich, Oken bringt sie auf eine Idee; hier zeigt es sicht dass er richtig spekuliert. Sein Gedanke an die Einheit der Natur lässt es nicht zu, dass der Mensch sich durch das Fehlen eines anatomischen Elementes von den übrigen Organismen unterscheiden soll, lässt ihn etwas erkennen, was noch nicht wissenschaftliche Tatsache ist. Oken schlägt nun den einzig richtigen Weg ein; die sorgfältige Präparation menschlicher Embryonen zeigt ihm, dass das Os intermaxillare beim Menschen nicht fehlt, dass es vielmehr im Laufe der Entwicklung sich mit den Nachbarknochen so eng verzahnt, dass die Nähte nicht mehr erkennbar sind und der Knochen sich beim Erhitzen in Lauge nicht herauslöst.
 
Bedeutsam sowohl für Oken als auch für Goethe wird der Umstand, dass der Dichter aus ganz ähnlichen Erwägungen wie Oken, nicht nur zum gleichen Schluß gelangt, sondern nach gründlichen Studien ebenfalls den Zwischenkieferknochen beim Menschen findet. Allerdings schon 20 Jahre vorher, am 27.3.1784. Goethe will damit doktorieren, erfährt aber damals bei Blumenbach eine für ihn schmerzliche Abfuhr und hält die ganze Angelegenheit streng geheim. Was diese Entdeckung des Os intermaxillare für Goethe bedeutet, können wir ermessen, wenn wir in seinen Briefen lesen. So schreibt er am Tage der Entdeckung, jenem 27. März 1784 an Frau von Stein: „Es ist mir ein köstliches Vergnügen gewesen, ich habe eine anatomische Entdeckung gemacht, die wichtig und schön ist, Du sollst auch Dein Teil dran haben. Sage aber niemand ein Wort. Herder kündiget es auch ein Brief unter dem Siegel der Verschwiegenheit an. Ich habe eine solche Freude, dass sich mir alle Eingeweide bewegen.“ und sein Brief an Herder lautet: „Ich habe gefunden weder Gold noch Silber, aber was mir unsägliche Freude macht – das Os intermaxillare am Menschen! Ich verglich Menschen – und Tierschädel, kam auf die Spur und siehe, da ist es… es ist wie der Schlußstein zum Menschen, fehlt nicht, ist auch da….“
 
Später, von Oken überzeugt, entschuldigt sich Blumenbach bei Goethe und gesteht seinen Irrtum offen ein. Die Priorität der Entdeckung hat also Goethe, unabhängig davon erkennt Oken später dasselbe, lässt sich nicht abwimmeln, veröffentlicht es zuerst.
 
Goethe, unseren Schülern in der Regel nur als Dichter und Denker bekannt, ist ein begeisterter Naturforscher; zum Entsetzen seiner Freunde verbringt er Jahre mit anatomischen und anderen naturwissenschaftlichen Studien. Er hat ernsthafte Pläne für größere Arbeiten in dieser Richtung, ihm schwebt vor, wissenschaftliche Zusammenhänge künstlerisch darzustellen. Es ist wahrscheinlich, dass die kalte Schulter der Gelehrten bei der Zwischenkiefergeschichte und der folgende Streit mit Oken ihn von seinem Vorhaben abbringen. Bereits in Göttingen hat Lorenz Oken als Dozent großen Zustrom. Die Studenten verehren und schätzen ihn, sie mögen seine direkte, unkomplizierte Art, außerdem ist bei ihm immer etwas los.
 
Besonders beliebt sind seine Exkursionen, hier ist Oken richtungsweisend für eine ganze Forschergeneration. Er empfiehlt, die Objekte in ihrem natürlichen Umfeld zu studieren, sich nicht nur an Getrocknetes und in Spiritus Eingelegtes zu halten. So ist er der erste Zoologe überhaupt, der ans Meer geht, um die marine Tierwelt an Ort und Stelle zu studieren.
 
1806, während seiner Studien auf Wangeroog nutzt L. Oken die Zeit einsamer Beobachtungen, um eines seiner vielfältigen Anliegen voranzutreiben. Er will die Fachsprache vereinfachen, dem Laien zugänglich machen. Eine wahre Flut von Wortschöpfungen ist das Resultat. Viele dieser Begriffe haben sich gehalten und sind Teil unseres Sprachschatzes, wie etwa Nesthocker, Nestflüchter, Lurche, Kerfe, Kerbtiere. Andere sind nur kurzlebig, wie Bäre für ein Muttertier mit Jungen bei den Säugern.
 
Goethe amüsiert sich köstlich über diese neuen Bürger der deutschen Sprache und geht sogar in einem Gedicht halb spöttisch halb anerkennend darauf ein.

 
Der Streit mit Goethe

Im Zusammenhang mit seinen Knochenstudien, die in der Wirbeltheorie des Schädels gipfeln, kommt Oken in Prioritätsstreit mit Goethe, dies hat für Oken nur unangenehme Folgen. Was ist geschehen? Im Harz, am Ilsenstein, findet Oken 1806 auf einer seiner Exkursionen den Schädel einer Hirschkuh, er selbst sagt später zu diesem Fund: „Aufgehoben, umgekehrt, angesehen und es war geschehen. Es ist eine Wirbelsäule, fuhr es mir wie ein Blitz durch Mark und Bein ….“
 
Seltsam die Parallelität der Ereignisse. So findet Goethe 1790, während seiner zweiten italienischen Reise, am Strande von Venedig einen zerbrochenen Schafschädel und hat eine ganz ähnliche Erleuchtung. Auch er glaubt die gesetzliche Struktur der Schädelbildung zu begreifen, auch er kommt zu der Ansicht, der Schädel müsse aus umgebildeten Wirbeln entstehen. Wie beim Zwischenkiefer behält Goethe sein Wissen für sich, Oken dagegen forscht weiter, untermauert die Idee, will veröffentlichen.
 
Inzwischen bekommt Lorenz Oken einen Ruf nach Jena. An dieser Berufung hat Minister Goethe Anteil, denn ihn interessiert der Zoologe Oken und sein vielfältiges Schaffen. Goethe dankt Goethe brieflich. Nun arbeitet er intensiv an seiner Wirbeltheorie, er möchte sie zur Antrittsvorlesung in Jena fertig haben und macht sie zu deren Thema. Am 30. Juli 1807 ernennt die Regierung zu Weimar Doktor Oken zum außerordentlichen Professor der Medizin bei der Gesamtakademie Jena. „Über die Bedeutung der Schädelknochen“ heißt denn auch Okens Vortrag. Später schickt Oken den gedruckten Vortragetext an Goethe mit der Hoffnung, er möge ihn beim Minister empfehlen.
 
Aber noch am Abend der Antrittsvorlesung erfährt Goethe durch Freunde vom neuen Professor. Goethe erzählt von Venedig, seinem Fund des Schafsschädels und der ihm damals spontan gekommenen Idee. Die Freunde können nicht länger an sich halten, die Duplizität des Findens und Entdeckens ist zu erregend. Heute sei der Gedanke in das Publikum gesprungen und Oken, sagen sie, sei der Prophet. Goethe schweigt betroffen, er schweigt viele Jahre. Erst 1816, 9 Jahre später, bezichtigt er in Heidelberg öffentlich Oken des Plagiats, des geistigen Diebstahls — eine schwere Anschuldigung.
 
Doch von 1807 bis 1816 hat sich zwischen den beiden Männern einiges angestaut. Schwierigkeiten gibt es bereits zwei Jahre nach Okens Einzug in Jena. Der Bitte Okens um freien Zugang zu den Bibliotheksschätzen in Weimar kommt man nur ungern nach; Oken legt sich alsbald mit dem Verwalter der Bibliothek, einem Schwager Goethes, an und seine Art, eine Bibliothek zu benutzen, ist der Sache eher abträglich. In einem Beschwerdebrief formuliert Oken denn auch, wie eine Bibliothek benutzt werde, sei höchstens drittrangig, wichtig sei, dass sie benutzt werde, auch wenn es nach wenigen Jahren nichts mehr zu benutzen gäbe. Dass sein Ordnungssinn nicht der größte ist, hat sich herumgesprochen, diese Aussage jedoch bringt Goethe in Wallung. „Persönlich möchte ich nie wieder ein Verhältnis zu ihm haben!“ lautet sein Bescheid.
 
1814 Im Oktober heiratet Lorenz Oken Louise Stark, die Tochter des Geheimen Hofrates Stark in Jena. Seine Frau teilt mit ihm die kommenden turbulenten und sorgenreichen Jahre seines Lebens. Die Familie Oken hat zwei Kinder, Sohn Offo und Tochter Clothilde.
 
Oken wird untersagt, im Botanischen Garten Vorlesungen zu halten, das Schreiben trägt die Unterschrift Goethes. Oken macht sich in einem Schreiben an Schelling Luft, sein Zorn richtet sich besonders gegen Geheimrat Voigt, den Direktor des Botanischen Gartens. „…ein schwaches läppisches Individuum, das sich alles gefallen lässt und selbst den Stiefelknecht macht und das ein Schwachkopf ist und dessen Anstellung als Professor ein Machwerk von Knebel und Goethe ist. Wer die bürgerliche Obrigkeit herbeizieht, um Äußerungen seines Geistes zu retten, ist ein erbärmlicher Wicht, … Hier brennt’s“.
 
Dass man auch auf der Gegenseite nicht zimperlich ist mit dem Wort, bescheinigt ein Handzettel des Großherzogs Carl August von Weimar, der sich sowohl amtlich als auch zutiefst menschlich mit Oken beschäftigt: „Der Oken ist wieder nicht recht richtig im Kopfe; die Erfindung der vielen neuen Namen scheint seinem Geiste und der Urteilskraft geschadet zu haben!“ Dies ist ein Kommentar zu einem Artikel in der „Isis“.
 
Bei allem, was Goethe und Goethe entzweit und sie davon abhält, sich zu versöhnen, achtet der eine doch den Dichter, der andere den Naturwissenschaftler. Die Prioritätstreitigkeiten sind sicher nicht das allein Maßgebende zwischen beiden, -,sie sind Symptome einer tiefgehenden Disharmonie. Goethe mag Okens direkte, oft derbe Art nicht, Oken kann Goethes Erwartung, ihn zu hofieren, nicht erfüllen, lehnt sie ab.
 
Mit zunehmenden zeitlichem Abstand denkt Goethe viel milder und weiser über Oken als jener ahnen kann. So erfahren wir, dass Goethe 1828 die wissenschaftliche Genialität Okens lobt und ihn auf eine Stufe stellt mit dem von ihm bewunderten Alexander von Humboldt. Goethe stirbt am 22.3.1832.
 
Im Juni 1836 entbrennt der Prioritätsstreit noch einmal mächtig und Oken – wohl in Erinnerung an die erlittenen Zurückweisungen und die zugefügte Schmach – lässt sich zu überaus heftigen Worten gegen Goethe hinreißen. So erklärt er in der Augsburger Allgemeinen Zeitung: „Wegen Goethe erkläre ich hiermit jedem, der sagt oder zu verstehen gibt, ich wäre mittelbar oder unmittelbar durch Goethe auf meine Idee von der Wirbelbedeutung der Schädelknochen gekommen, für einen boshaften Lügner, Verleumder und Ehrabschneider.“
 
Und dies obwohl Bojanus und Carus noch zu Lebzeiten Goethes den wahren Sachverhalt klar und gerecht dargestellt haben. Goethe entwickelt zuerst die Gedanken, hält sie jedoch zurück, privat; Oken hat die Gedanken als zweiter, unabhängig von Goethe, aber er veröffentlicht sie zuerst.
 
Wie sehr diese ganze Auseinandersetzung Oken belastet und in ihm frist, zeigt die Behauptung, zu der er sich 11 Jahre später versteigt, Goethe habe Ihm diese Entdeckung unverschämterweise rauben wollen. Er bezichtigt Goethe der Rachsucht und der Anstiftung zu Misshandlung gegen ihn (Artikel in der „Isis“ 1847). Hier geht Oken zu weit, schießt bedauerlich über das Ziel hinaus. Vielleicht ist auch ein Blasenleiden, das ihn Seit 1836 quält, mit Schuld an der wachsenden Verstimmung. Von seiner Tochter Clothilde wissen wir, dass er nun häufiger kränklich und schlechter Stimmung ist.
 
Sicher ist, dass Oken ohne diese Verfeindung mit Goethe einen bedeutenderen Platz in der Kulturgeschichte erhalten hätte, einen ihm zustehenden, wie ich meine. Goethe und seine Anhänger hatten einen weitreichenden Einfluß und dadurch wurde die Wertschätzung Okens im Bewusstsein des Bürgertums getrübt.
 
1819 wird Lorenz Oken entlassen, die Universität Jena sieht mit Bedauern ihren besten Professor aus dem Amte scheiden. Oken bleibt noch 9 Jahre in Jena, wenig ist bekannt aus dieser Zeit. Er lebt von der Herausgabe der „Isis“. Familie und Freunde stehen zu ihm.
 
Ende 1827 erhält er eine Professur für Physiologie an der Universität in München, hier sammelt Oken wie früher eine Schar begeisterter Hörer um sich, aber bald gibt es Unstimmigkeiten. Wieder einmal geht es vordergründig um die Bibliotheksbenutzung, hintergründig ist Oken einflussreichen Leuten zu liberal, zu frei mit dem Wort.
 
Der neu gegründeten Universität in Zürich gelingt es, Oken zu gewinnen, er lebt von nun an in der Schweiz. Am 29.4.1833 nimmt Oken, 54-jährig, als erster Rektor der Universität Zürich die Stiftungsurkunde von der Zürcher Regierung entgegen. Der letzte Abschnitt von Okens Tätigkeit ist kein stilles, ruhmloses Verklingen seines breiten und vielfältigen Wirkens in Göttingen und Jena. Nach wie vor übt er auf seine Hörer eine starke, nachhaltige Wirkung aus. Bei den jüngeren Professoren steht er in hohem Ansehen und wird verehrt.

 
Lorenz Oken und Georg Büchner

Der einzige Privatdozent, den Lorenz Oken nach Zürich holt, ist Georg Büchner. Der Dichter und Zoologe Büchner lebt in Straßburg, in seiner Heimat Deutschland wird er verfolgt aus politischen Grünen.
 
Im Winter 1835/36 arbeitet der 23jährige Büchner über die Beziehungen zwischen Gehirn- und Spinalnerven bei Fischen, ist also anatomisch aktiv. Mit dieser Arbeit setzt er in gewissem Sinne Okens und Goethes Wirbeltheorie des Schädels fort. Dabei bestätigt er Okens Vorstellung vom Ohr der Säuger als einer umgewandelten Kiemenhöhle.
 
Seine Arbeit wird 1836 in Zürich als Dissertation angenommen, Büchner nach einer Probevorlesung sogar als Privatdozent zugelassen. Er liest im Anschluss an seine Habilitation vergleichende Anatomie der Fische und Amphibien; seine Vorlesung ist stark besucht, gilt als etwas besonderes,
 
Der ruhelose und politisch verfolgte Büchner findet hier dank Okens Hilfe für kurze Zeit Ruhe für die geliebte wissenschaftliche Arbeit. Er wäre wohl ein bedeutender Zoologe geworden, wenn er nicht schon 24jährig vor Abschluss des Wintersemesters am Typhus gestorben wäre. Der Name Oken wird für immer mit den wenigen glücklichen Monaten im Leben Büchners verbunden sein.
 
Oken als Hochschullehrer und Förderer der Naturwissenschaften
 
Spätestens seit den Studien in Wangeroog wissen wir, dass Lorenz Oken der marinen Zoologie zugeneigt ist; zeitlebens bleibt er Förderer und Wegbereiter dieser Disziplin. Durch ihn angeregt gehen zwei seiner Hörer 1846 nach Neapel, begleitet von italienischen Freunden Okens. Auf deren Arbeiten fußt die Einrichtung der zoologischen Station in Neapel; 1870 wird diese alte Vision Okens Realität, der geistige Vater erlebt es nicht mehr.
 
Mit der „Isis“ schafft Oken den Naturwissenschaften ein Sprachrohr, es ist eine nicht nur in Fachkreisen angesehene Zeitschrift mit fast schon internationalem Charakter, viele Artikel erscheinen in der Originalsprache.
 
Eine noch breitere Wirkung hat sein ‚Lehrbuch der Naturgeschichte‘. Es entsteht noch in Jena und wird in den späteren Jahren zu einem mehrbändigen Werk ausgebaut, seiner ‚Allgemeinen Naturgeschichte für alle Stände‘. Von 1833 bis 1845, also während der Züricher Zeit erscheinen die 12 Textbände und der Bildband. Dieses Werk ist das bis dahin vollständigste seiner Art, Oken wird damit zum ‚Grzimek des 19. Jahrhunderts‘. Mit einem bedeutenden Unterschied jedoch, verglichen mit seinem bekannten Nachfolger: Oken hat bei weitem nicht die technischen, personellen und finanziellen Mittel zur Realisierung seiner Ideen, auch liegt eine ähnliche Zusammenstellung noch nicht vor. Okens Lehrbücher werden für Edmund Alfred Brehm zum großen Vorbild, er findet für sein ‚Tierleben‘ eine ausgezeichnete Vorlage. Brehm wird berühmt, die meisten unserer Zeitgenossen kennen ihn. Okens Werk dagegen ist heute so gut wie unbekannt, dabei ist es viel umfassender, enthält Erdgeschichte, Botanik, Zoologie Medizin (Anatomie). Mit diesem Werk verwirklicht Lorenz Oken einen schon früh gefassten Vorsatz; jedem Laien will er die Ergebnisse der Naturwissenschaft verständlich und zugänglich machen.
 
Eine noch heute, vor allem im deutschen Sprachraum, dringlich gestellte Forderung, Vereinfachung der Fachsprache, das Vertrautmachen breiter Kreis mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung, Oken hat es schon vor über 140 Jahren meisterhaft verstanden.
 
Nachdem Oken dem deutschen Volke sein Lehrbuch der Naturgeschichte, den Gelehrten ihre Zeitschrift, die „Isis“ gegeben hat, erfüllt er eine weitere große Aufgabe. Er gründet die „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“. Mit dieser Gesellschaft erreicht Oken viele Ziele gleichzeitig; eine zentrale Einrichtung, an die der literatisch aktive Arzt oder Naturforscher sich wenden kann, der Einzelne kann nun mit Hilfe der Gesellschaft mehr erreichen, das Wissen wird schneller verbreitet, die Förderung der Forschung multipliziert. Oken weckt das Standesbewusstsein vor allem der Mediziner. 1822 ruft Oken zur ersten Tagung nach Leipzig auf mit den Worten: „Die Idee im Kopfe, oder die Abhandlung in der Tasche und ein freundliches Gesicht ist hinlänglicher Reiseapparat.“ Schon über ein Jahr vorher rührt Oken in der „Isis“ die Werbetrommel für diese Veranstaltung und eine Gruppe rieselustiger württembergischer Naturforscher kommt bereits 1821, ein Jahr zu früh, nach Leipzig. Die Schwaben sind über dieses Missgeschick so verärgert, dass sie in vielen Zeitungen, auch in der „Isis“ Krach schlagen. Eine bessere Reklame hätte Oken nicht finden können. Die Gesellschaft wird zur blühenden Institution, 1828, beim 6. Treffen in Berlin, kommen die alten Regierungsgegner aus Jena und huldigen Oken; durch Alexander von Humboldt lässt man Worte des Dankes, der Anerkennung und der Ehrerbietung an Oken richten. Der Begründer selbst kommt nur selten zu den Tagungen, seinen Teil der Aufgabe sieht er erfüllt.
 
Seine Verdienste als Forscher und Förderer der Naturwissenschaften sind somit reichlich belegt, lassen Sie mich noch ein wenig über den Hochschullehrer Oken sagen. Vielfach bescheinigt und immer wieder hervorgehoben wird das Lehrtalent Okens. Mit fachlicher Begeisterung, großer geistiger Beweglichkeit, klarer einfacher Sprache, zieht er besonders die Jugend an. Er ist stets aufgeschlossen, spricht gern mit den jungen Menschen, nicht nur zu ihnen. Oken verbannt den geschriebenen Text vom Rednerpult, nicht Vorlesen, frei Lehren lautet sein Imperativ, die entsprechende gründliche Vorbereitung legt er den jungen Dozenten besonders ans Herz. Seine Hilfsbereitschaft, ideell und materiell, ist bekannt, er hat die entbehrungsreiche Zeit und die ihm zuteil gewordene Hilfe nicht vergessen.
 
Drei Zitate sollen die Wertschätzung, vor allem durch die Jugend, beleuchten:
  • 1827 berichtet der spätere Botanikprofessor Braun als Student aus München an seine Eltern: „Oken ist ein kleines verständiges Männlein, das sehr klug spricht, er erklärt uns den Bau der ganzen Natur und sucht uns die ewigen Gesetze zu zeigen, nach denen alles in der Welt entstehen, bestehen und wieder vergehen muß. Wir haben ihn alle gern, und wie Schubert das Gemüt anregt, so beschäftigt er den Verstand auf das nützlichste und angenehmste.“
  • Der Jenaer Kollege Huschke sagt im Nachruf den er Oken vor der Versammlung ‚Deutscher Naturforscher und Ärzte‘ widmet, „So bizarr oft sein Stil, so gewandt und fließend war sein lebendiger Vortrag, so dass die Schüler auf die Worte des gefeierten Meisters schwören mochten, Alles breite vermeidend, war er stets anregend, indem er nicht nur zu merken, sondern auch zu denken gab.“
  • Friedrich Horner, Augenkundler in Zürich, der den alten Oken erlebt hat: “ … den Charakter des Komischen konnte die Zoologie von Oken leider nicht immer loswerden, besonders, wenn das kleine magere Männlein in seiner Leibhaftigkeit Figur und Form, ja Lebensweise der Tiere selbst nachzugestalten suchte und seinen Mantel als Schneckengehäuse benutzend, selbst die geheimen Taten dieser friedlichen Tiere kopierte. Aber die Empfindung von der Begeisterung und dem umfassenden Geiste des Mannes nahmen wir doch in uns auf und folgten gern seinen freundlichen Einladungen zum Tee.“
Oken stirbt am 18.11.1851, 10 Tage nach seinem 72. Geburtstag. Seine Studenten ehren ihren Lehrer mit einem Fackelzug.
 

Zusammenfassung und Schluß

„Ich bin überzeugt, dass man die Menschen unverhältnismäßig viel mit dem Maul lehrt und dass man ihre besten Anlagen verderbt… indem man ihnen den Kopf voller Wörter macht, ehe sie Verstand und Erfahrung haben.“ Dies ist kein Zitat eines sich etwas derb ausdrückenden Pädagogen unserer Tage, es sind die Worte Pestalozzis aus dem Jahre 1785, das heißt vor fast 200 Jahren. Es klingt leider sehr aktuell. Wir wissen nicht ob Lorenz Oken Pestalozzi gekannt hat, auf jeden Fall hat er ganz in seinem Sinne gehandelt, Naturbeobachtung – und das schließt das Experiment mit ein – sei es makroskopisch oder mikroskopisch, müssen das primäre sein, es folgt das Beschreiben, das Nachdenken. Nicht bezugslos Fakten soll der Lehrer vermitteln, sondern ein Netz von Querverbindungen soll geknüpft werden unter Einsatz der Persönlichkeit des Lehrers.
 
Um auf den Ausgangspunkt meiner Ausführungen zurückzukommen, Lorenz Oken mag vielleicht kein unumstrittener Wissenschaftler gewesen sein, dennoch sind seine wissenschaftlichen Leistungen heute anerkannt, mögen auch die neueren Erkenntnisse manches überholt haben. Hervorragend vor allem sind seine Verdienste um die Naturwissenschaften, herausragend sein Bemühen um die ihm anvertrauten und sich ihm anvertrauenden Studenten, bahnbrechend sein Hinaustragen der wissenschaftlichen Erkenntnisse unter das deutsche Volk, dessen Bildung ihm so sehr am Herzen lag. Ein steter Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit der Lehre.
 
Lorenz Oken ist wohl der größte Sohn des Raumes Offenburg, ja der Ortenau, und wir sollten an seinem Denkmal im Franz-Volk-Park zusätzlich eine Texttafel anbringen, Lorenz Oken darf zumindest in seiner Heimat nicht in der Anonymität versinken.
 
Derjenige, der Oken als Namenspatron für unsere Schule gewählt hat, hat eine glückliche Wahl getroffen und nicht ohne Stolz dürfen wir den Namen unserer Schule nennen. Wir sollten uns aber stets bemühen, etwas vom Geist und Wollen des Lorenz Oken weiterzutragen. Ich glaube ein wenig ist es uns gelungen, genießt doch unsere Schule das Ansehen eines liberalen Gymnasiums, das seinem Namenspatron Ehre macht.
 

 
(von Klaus Schäffner, ehem. Schulleiter am Oken 1983-1997)
 

Herkunft und Werdegang

Das Taufregister von Hl. Kreuz in Offenburg verzeichnet unter dem Datum vom 1. August 1779, dass an diesem Tage geboren und getauft wurde „Laurentius filius legitimus Joannis Adami Okenfuß“. Den Namen Lorenz erhielt der Junge nach dem Kirchenpatron seines Geburtsortes Bohlsbach. Es war der Geburtstag des bedeutenden Naturphilosophen und engagierten Hochschullehrers Lorenz Oken, des Namenspatrons unserer Schule. 
 
Über Okens Herkunft läßt sich nicht allzu viel mitteilen. Seine Eltern sind ziemlich mittellose Kleinbauern, die häuslichen Verhältnisse eher ärmlich. Nach der heutigen Milieutheorie hätte dem kleinen Lorenz wohl keine rosige Zukunft, geschweige denn eine große akademische Karriere in Aussicht gestanden. Doch zum Glück ist am Ende des 18. Jahrhunderts diese Theorie noch nicht erfunden. Vielleicht liegt es auch am besonderen Temperament der Sippe Okenfuß, dass Johann Adams Sohn Lorenz nicht, wie er später gesagt haben soll, eine „weitere Armenleiche auf dem Friedhof zu Bohlsbach“ wurde. So erwähnt Alexander Ecker, Okens späterer Biograph, wobei er sich auf einen Bericht des Bohlsbacher Ortspfarrers beruft, „dass viele aus dem Geschlecht der Okenfuß rechthaberisch und hitzigen Temperaments“ seien und „dass man in diesem Dorfe ganz auffallend viele ungewöhnlich brünette, selbst auffallend viele schwarze Familien finde und dass insbesondere die Branchen Okenfuß schwarz, sehr schwarz, manche sogar von wahrer Zigeunerfarbe und -blick seien.“
 
Am Rande sei vermerkt, dass Oken sich zeitlebens seiner kleinbürgerlichen Herkunft nie schämte, dass er aber auch nie — und das ist vielleicht noch aufschlussreicher — damit kokettierte. 
 
Lehrer und Pfarrer in Bohlsbach bemerken schon bald, dass Lorenz Okenfuß ein überdurchschnittlich begabter und lerneifriger Junge ist, so dass sie dem Bauernsohn den Besuch des Offenburger Franziskanergymnasiums, des Vorgängers des heutigen Grimmelshausengymnasiums, vermitteln. Die Franziskaner-Patres bescheinigen Oken nicht nur ein „ingenium felix“ (eine glückliche Anlage), sie schicken 1799 ihren besten Schüler an die Stiftsschule nach Baden-Baden, wo Lorenz Oken dem Mathematiker Anton Maier begegnet, dem Lehrer, der in ihm wohl die Liebe zur Mathematik und Naturwissenschaft weckt. Ihm widmet er deshalb sein 1805 erschienenes Buch „Abriss eines Systems der Naturphilosophie“. Der Freiburger Professor Max Pfannenstiel hebt in seiner Würdigung Okens von 1951 diese Dankbarkeit gegenüber seinen Offenburger und Badener Lehrern als besonders „liebenswürdigen Zug Okens“ hervor. In der Tat hat Oken in seiner berühmten Antrittsvorlesung in Jena 1807 seinen Offenburger und Badener Lehrern ausdrücklich gedankt.
 
Nach erfolgreichem Schulabschluss immatrikuliert sich Oken zum Wintersemester 1800/01 an der Universität Freiburg als Student der Medizin. Nach Pfannenstiels Bericht sei er an einem Tag von Bohlsbach nach Freiburg gewandert, um das Geld für die Postkutsche zu sparen. Das ist nur ein erster Beweis Okens, auch unter ungünstigen äußeren Bedingungen zu einem gesteckten Ziel zu gelangen. Nach nur vier Semestern legt der junge Medizinstudent seinem Chirurgieprofessor Ecker einen fertigen „Abriss eines Systems der Naturphilosophie“ vor, der eigentlich Staunen und Bewunderung hätte wecken müssen. Statt dessen erntet Oken scharfe Ablehnung vonseiten seines Professors, der ihm einen zum Atheismus führenden Mystizismus vorwirft und ihn vor dem Schellingschen Fahrwasser warnt. Welcher Student hätte sich von so herber Kritik nicht entmutigen lassen! Nicht so Oken, für ihn scheint die Erwähnung Schellings geradezu ein Stichwort gewesen zu sein. 1804 promoviert er zum Doktor der Medizin, leiht sich Geld und läßt seine Naturphilosophie erst einmal auf eigene Kosten drucken. Dann begibt er sich zu seinem neuen Idol, dem schwäbischen Naturphilosophen Schelling, nach Würzburg. Hier genießt der sich durchhungernde Oken nicht nur Caroline Schlegel-Schellings mütterliche Unterstützung, hier begegnet er auch der geistigen Elite der deutschen Romantik.
 
Durch Schellings Vermittlung kommt Oken 1805 nach Göttingen zu Blumenbach, dem großen Anthropologen und Anatomen, der ihm zur Privatdozentur verhilft. Hier beginnen Okens große zoologische Laufbahn, seine anatomischen Studien und Entdeckungen.

 
Der Herausgeber der „Isis“

Die Jenaer Zeit ist auch für Lorenz Oken zwar nicht der Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn, aber eine Zeit unerhörter Schaffenskraft sowohl im Bereich der  Naturwissenschaften als auch der allgemeinen und politischen Publizistik. 1817 tritt Oken mit einer neu begründeten und von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Isis“ an die Öffentlichkeit. Diese Zeitschrift ist vielleicht — historisch gesehen — Okens größtes Werk in wissenschaftlicher, staatsbürgerlicher und pädagogischer Hinsicht. Sie ist im Sinne ihres Untertitels eine wahrhaft enzyklopädische Zeitung, die allen Wissensgebieten, vornehmlich aber den Naturwissenschaften, offenstehen soll. Nur zwei Fakultäten räumt der sonst liberale Oken keinen Platz ein: der Theologie und der Rechtswissenschaft. Seine Begründung im Januarheft der „Isis“ von 1817 lautet: Die Vertreter dieser Wissenschaften haben sich „zu weit vom Menschlichen entfernt“. (Eine für Oken typische Bemerkung!)
 
Es ist übrigens aufschlussreich, dass der kürzlich verstorbene Dichter Arno Schmidt 1958 in seinem Buch über Fouqué eine bemerkenswerte Charakteristik der „Isis“ liefert, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: „Wer sich einmal näher mit der ‚berüchtigten Isis‘ bekannt gemacht hat, wird dies nie zu bereuen haben; denn sie ist eines der interessantesten und belehrendsten Blätter der ganzen Zeit“ (gemeint ist die erste Hälfte des 19. Jhs.) Und an anderer Stelle spricht A. Schmidt von „Lorenz Oken, dem großen Herausgeber der herrlichen Isis“. Welches Lob aus dem Munde des häufiger verkniffen boshaften A. Schmidt!
 
Im folgenden soll nun dargelegt werden dass dieses Lob der „Isis“ keineswegs zu Unrecht besteht. Schon in den Heften des ersten Jahrgangs – die „Isis“ erscheint monatlich – liefert Oken nicht nur naturwissenschaftliche Abhandlungen, er greift auch mutig und ohne langes Bedenken politische Themen auf.
 
In der Zeit unmittelbar nach dem Wiener Kongress, die beherrscht ist vom reaktionären Geist Metternichs und seiner vielen willigen Helfer im Deutschen Bund, verfasst Oken in einem Isisheft des Jahrgangs 1817 eine handfeste Kritik der Weimarer Verfassung die gerade 1816 verabschiedet worden war und bis heute in den Schulbüchern als Beispiel besonderer Liberalität dargestellt wird. Okens Aufsatz trägt den Titelt „Über das Grundgesetz über die Landständische Verfassung des Großherzogtums Sachsen – Weimar – Eisenach“. Mit einer verblüffenden Direktheit nimmt Oken diese Verfassung aufs Korn. Als ersten attackiert er die ansonsten überall in Deutschland noch hingenommene Ständeordnung. Das hört sich ebenso lapidar wie unumstößlich an: „Erstens sind die Grundlagen der Ständeeinrichtung völlig verfehlt.“ Diese Behauptung wird dann durch einen einleuchtenden Beweis untermauert, wobei Oken allerdings nicht die französischen Vorstellungen der égalité vertritt, sondern das Ständewesen, wie es die weimarische Verfassung will, als ein sinnloses Relikt des Lehenswesens geißelt. Oken lehnt nicht einmal grundsätzlich Stände oder Klassenunterschiede ab. Nur die rückständige Einteilung in „Rittergutsbesitzer, Städter als Bürger und Bauern“ erscheint ihm unannehmbar. Sie erregt heftig seinen Unwillen. Und so fragt er empört: „Wie in aller Welt unterscheidet sich ein Rittergutsbesitzer (wenn auf den Adel nicht Rücksicht genommen wird) von einem Bauern? Etwa weil das Gut größer ist? Das ist nicht immer der Fall, und wenn auch, Scholle ist Scholle, und jener treibt seine Knechte und Pferde wie dieser‘. Welche Unterschiede ihr auch heraus grübeln möchtet, so werdet ihr uns doch eingestehen, dass ihr keinen andern wisst als die verschiedene Bildung : also der Rittergutsbesitzer ist ein Mensch von gebildetem Stand, und darum nicht eins mit dem Bauern“. Damit ist Oken auf die Unterscheidung gestoßen, die er allein für Menschen billigt: die Bildung! Und sein Vorwurf gegen die Verfasser dieses weimarischen Grundgesetzes lautet demnach auch ganz schlüssig: „Also Bodenstände, nicht Geistesstände wollt ihr haben! Ja, den Geist schließt Ihr aus! Den gelehrten Stand, welcher durch den geistlichen repräsentiert wird, werft ihr weg!“
 
Entsprechend hart sind die Vorwürfe die Oken deswegen der Universität und besonders der theologischen Fakultät macht, die ihre alte Aufgabe und Würde vergessen habe. Typisch für Okens Streitbarkeit ist es, wenn er bei dieser Gelegenheit auch mit seinen anderen Widersachern, denen er tiefste Verachtung entgegenbringt, abrechnet: den Juristen. In ihnen erblickt er einen Hauptgrund für den verfehlten Verfassungsentwurf. „Ist es denn so schwer zu begreifen, dass Juristen, wo sie in Menge allein beisammen sind, sich in Formalitäten, in Kleinigkeiten, in Vorsichtsmaßregeln, an die kein Mensch denkt, verlieren?“ Und dann sein Hauptthema, die Verfassung, für kurze Zeit außer acht lassend, „Seht ihr denn nicht, dass in unserem so wie in allen deutschen Staaten nur die Juristen gut besoldet sind, während Gelehrte, Geistliche, Ärzte, Schullehrer darben? Und diesem Stand wollt ihr eure Rechte, euer Wohl zu vertreten übergeben? Warum schiebt man alle gebildeten Stände (die Juristen zählen für ihn offensichtlich nicht dazu! -) aus der Landesvertretung weg?“ Und so beschließt er seine Attacke pathetisch: „Die Kraft des Staates den Juristen überlassen, den Geist des Staates den Juristen überlassen, heißt das Edelste der Menschheit und der Bürgerschaft einem Stand als Sklave opfern!“
 
Oken verliert sich aber keineswegs in eine akademische Polemik; vielmehr kommt er sehr wohl auf sein eigentliches Thema, die Kritik an der weimarischen Verfassung, zurück. Für ihn gibt es nur einen Unterschied zwischen den Staatsbürgern den er anerkennt, ja sogar wünscht, den Geist, die Bildung! „In den Ständen macht der Geist, welcher in allem Menschlichen den Stab führt, den Unterschied.“ Geist und Bildung also sind für Oken das Wesen des Menschlichen. Nach diesem Ausfall gegen Juristen und alle die, die sich ohne gründliche Überlegung an den Verfassungsentwurf machten, liest Oken der weimarischen Regierung die Leviten. Er zählt ausführlich auf, was in dieser Verfassung vergessen wurde. Ich kann nur eine kleine Auswahl aus diesem Katalog von Vorwürfen geben, die er den Verfassungsgebern als Versäumnisse vorrechnet:
 
„Es ist nicht sichergestellt:
  • Die Heiligkeit der Wohnung
  • Nicht, dass man durch niemand anders als seinen gehörigen Richter gestraft, verhaftet und in Verhaft gehalten werden könne.
  • Nicht die Unverletzlichkeit des Eigentums (eine Forderung, auf die Oken auch an anderer Stelle der „Isis“ zu sprechen kommt)
  • Nichts über die Öffentlichkeit der Staatsverwaltung
  • Nichts über die Freiheit der Meinung
  • Nichts über das Verhältnis der bewaffneten Macht zu den Unbewaffneten
  • Nichts über die gleichförmige Verteilung der Steuern
  • Nichts über die Unverletzlichkeit des Postgeheimnisses
  • Nichts über die Freiheit des Handeln
usw. usw
 
Diese Forderungen, die uns durchaus geläufig klingen, weisen Oken als das aus, was ihn neben seinen Verdiensten um die Zoologie noch heute auszeichnet, als einen unerschrockenen und mutigen Vorkämpfer für bürgerliche Freiheit und menschliche Würde. So konservativ in manchen Ohren sein Festhalten an „Geistesständen“ klingen mag, so fortschrittlich ist sein Verlangen nach einem in der Verfassung verankerten Recht. Und so folgert er: Also geschrieben müssen Rechte sein, welche das Volk hat, nicht der Zustimmung der Stände müssen sie überlassen bleiben.“ Geradezu beschwörend schließt er seine Ausführungen über die weimarische Verfassung: „Und so dürfen wir wohl mit Zuversicht erwarten, dass die hohen Stände bei nächstem Landtag mit der hohen Regierung und mit dem Fürsten an das große Werk einer in bestimmte Worte gefassten Verfassung schreiten werden.“
 
Leider ist dies ein frommer Wunsch, der zu Okens Zeit im thüringischen Herzogtum nicht erfüllt wird; im Gegenteil, Okens unverblümte Sprache erregt den Unwillen der Mächtigen, und es ist unausbleiblich, dass er zur persona non grata wird. Noch im selben Jahr sieht er sich gezwungen“ sich gegen Vorwürfe aller Art, vor allem aber den des Missbrauchs der Pressefreiheit, zur Wehr zu setzen. Unter der Überschrift „Sündigen, Beichten und Sündigen“ schreibt er einen gleichzeitig geharnischten wie auch um Einsicht flehenden Aufsatz gegen Zensur und Bevormundung. Dabei macht Oken kein Hehl daraus, dass er die „Isis“ mit allen rechtlichen Mitteln zu verteidigen gedenke. „Übrigens betrachten wir die „Isis“ als unser Königreich, das wir doch (weil sie unser Eigentum ist, das hoffentlich in Deutschland noch unter der öffentlichen Gewähr steht, und weil sie keines Menschen Rechte zu nahe getreten ist), gegen jeden willkürlichen Eingriff verteidigen werden.“
 
In fast rührender Weise aber wirbt er um Verständnis für seine liberale Auffassung vom Wesen und der Aufgabe der Polizei: „Die deutsche Polizei weiß, dass es amtlicher, dienstlicher und schätzungswerter ist, ihre Leute Wucherern, Betrügern und Dieben statt Autoren nachzujagen, und statt sie mit politischer Sylbenstecherei die Zeit und den Sinn vergeuden zu lassen!“ (ein Satz, der im heutigen Thüringen leider wieder von hässlicher Realität ist!) Und so entwickelt Oken klar und deutlich, dass ohne die Freiheit der Meinungsäußerung auch in politischen Fragen gerade in einer Zeitschrift wie der „Isis“ sich geistiges Leben nicht entfalten könne.
 
Die Nationen schätzen Nationen nach dem Maß ihrer politischen Bildung. Ohne diese ist selbst die Literatur nichts; denn nichts ist, was nicht ins Leben übergeht. Politischer Charakter entwickelt sich aber nur durch Freiheit, und nur durch Freiheit geht die Gelehrsamkeit ins Leben über, und nur durch das Leben tritt ein Volk unter die Völker.“ Treffender und überzeugender kann nicht formuliert werden, was das Anliegen aller gebildeten und liberalen Geister seiner Zeit ist. Von dieser Überzeugung ist Lorenz Oken nie abgewichen, auch dann nicht, als man ihm vonseiten der Regierung aufgrund preußisch-österreichisch-russischer Intervention noch heftiger zu Leibe rückt.

 

Oken auf dem Wartburgfest

Am 17.9.18. und 19. Oktober 1817 versammeln sich auf Einladung der Jenaer Burschenschaft Studenten von 13 Universitäten, um auf der Wartburg bei Eisenach den 300. Jahrestag der Reformation M. Luthers feierlich zu begehen. Es sollen sich etwa 400 – 800 Studenten versammelt haben. Aus Jena kommen auch vier Professoren, unter ihnen Lorenz Oken. Im letzten Heft der „Isis“ von 1817 gibt Oken einen Bericht über diese Versammlung mit dem bezeichnenden Titel „Der Studentenfrieden auf der Wartburg“.
 
Darin unterstreicht er nachdrücklich den friedlichen Charakter des Festes, betont ausführlich die Regelung studentischer Belange, wie etwa. die Aussöhnung verfeindeter Landsmannschaften u.a. Er verschweigt allerdings auch nicht, dass „Femegericht“ gehalten wurde, indem man neben den Attrappen einiger missliebiger Bücher auch einen Zopf, einen Schnürleib und einen Korporalstock (Symbole der Rückständigkeit und Unterdrückung!) in die Flammen warf. Oken veranschaulicht diese Gegenstände durch exakte Zeichnungen in diesem Isisartikel. Und als ahnt er schon, wie man in vielen Regierungen des Dt. Bundes reagieren würde fügt er warnend hinzu: „Die verkehrteste Hilfe ist überall der Zwang, und Soldatenregiment will nirgends mehr ertragen werden.“ Um den religiösen und gemäßigten Verlauf des Festes zu unterstreichen, vergisst er nicht zu erwähnen: „Danach reisten viele ab; viele aber gingen zum Abendmahl.“ Bemerkenswert ist auch der Mut, mit dem Oken sich in der „Isis“ vor die Studenten stellt mit den Worten: „Sollten irgendwo Studenten deshalb, weil sie auf der Wartburg gewesen, belangt werden, so berichte man es uns!“
 
Seine Darstellung des Festverlaufs wird durch einen amtlichen Bericht des weimarischen Staatsministers v. Fritsch, der diesen auf ausdrücklichen Befehl des Großherzogs Karl August verfasst, in vollem Umfang bestätigt. Dort heißt es u.a.: „Alle Augenzeugen bewahrheiten den religiösen Ernst, die würdige Haltung, die Rührung, womit das Fest des 18. Oktober im ganzen gefeiert wurde.“ Aber alle diese Versicherungen nützen nichts mehr, als auf russisch-österreichisch-preußischen Druck ein Jahr später die weimarische Regierung gezwungen wird, ein Exempel zu statuieren. Oken hat in der „Isis“ im Verlauf des Jahres 1818 den russischen Staatsrat Graf Stourdza heftig angegriffen, und so stellt die großherzogliche Regierung ihren Jenaer Professor vor die böse Wahl, entweder die „Isis“einzustellen oder die Professur aufzugeben. Oken entscheidet sich für die „Isis“ und wird 1819 entlassen nicht ohne Goethes „ekel – tatkräftige Mithilfe“; Wie A. Schmidt sarkastisch bemerkt. Bis 1827 lebt Oken ausschließlich von der Herausgabe der „Isis“, wobei ihm seine Fähigkeit, in materiellen Dingen sehr bedürfnislos sein zu können, sicherlich zustatten kommt.
 
Eine Fülle von zustimmenden Leserbriefen bestätigt ihm die Richtigkeit seiner Entscheidung und mag ihn auch in seiner Haltung bestärkt haben. Gleichzeitig erkennt man an diesem Echo auch etwas von der Wirkung der „Isis“, die damals eine der am meisten gelesenen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum wird, durchaus dem „Spiegel“ in den 50er Jahren unseres Jahrhunderts vergleichbar. Dennoch erlahmt mit der Erstarkung der Reaktion, wie sie in den Karlsbader Beschlüssen von 1819 zum Ausdruck kommt, das politische Interesse, und ab 1822 finden sich in der „Isis“ nur noch naturwissenschaftliche Themen. Die Zeitschrift gibt Oken bis 1849 heraus, also bis kurz vor seinem Tode.

 
Die Basler Episode

Trotz oder vielleicht wegen der üblen Folgen, die die missgedeuteten Ereignisse auf der Wartburg zunächst für Oken haben, ist seine akademische Karriere aber keineswegs zu Ende. Sein wissenschaftlicher Ruf wie auch seine Unerschrockenheit mögen ihn der Universitätscuratel von Basel empfohlen haben, so dass seiner Bitte, im Wintersemester 1821/22 in Basel Vorlesungen — gratis privatissime — halten zu dürfen, entsprochen wird. In lateinischer Sprache kündigt er seine Vorlesungen an, die er natürlich auf deutsch hält mit dem Angebot „Gallice solum loquentibus“ die Vorlesung „lingua Gallica propositurus“. Oken hält tatsächlich zwei Vorlesungen und leistet sich wieder einmal ein Kabinettstück besonderer Art,
 
Ausgerechnet im frommen und orthodoxen Basel schockiert er seine Zuhörer gleich zu Anfang mit Bemerkungen wie „Gott ist Zero“ oder er bezeichnet in seiner naturgeschichtlichen Klassifizierung die Eva als das „Urtier“. Die Reaktion in der Stadt Basel gibt eine kolportierte Bemerkung wieder, die ich in einer medizinischen Dissertation der Universität Basel fand: „Denket au Frau Bass“ — so soll es geheißen haben — „der Professor Oken het g’seit, Got syg nyt, er syg e Nul“!! Der wahre Grund weshalb Oken in Basel nicht Fuß fassen kann, mag aber eher darin liegen, dass er sich in einem früheren Buch nicht gerade positiv über die Schweiz geäußert hat. So bleiben die Basler Vorlesungen für beide Seiten Episode.

 
Oken in München

1827 erreicht den Herausgeber der „Isis“ schließlich ein Ruf der Universität München, die ihm die Stelle eines Ordinarius für Physiologie anbietet. Oken folgt diesem Ruf, und zunächst scheint sich alles gut anzulassen. Wie überall begeistert Oken auch in München seine studentischen Zuhörer. Doch bald häufen sich die Schwierigkeiten. Oken verwickelt sich in Streitigkeiten mit Kollegen, die über das übliche Maß akademischer Scharmützel hinausgehen. Mit der bayrischen Staatsregierung und auch mit König Ludwig gerät er in Kollision, weil er wieder unverdrossen liberale Grundsätze proklamiert, wie etwa die, die Erziehung müsse politisch werden oder — noch schlimmer — die Religion gehöre nicht dem Staat an, sondern der Menschheit, sei mithin nicht Sache der Staatsaufsicht. Der Streit endet mit einer vom König persönlich ausgesprochenen Versetzung nach Erlangen. Okens Reaktion besteht in einem Satz: „Majestät“, so schreibt er, „ein deutscher Professor wird nicht versetzt, er wird berufen.“ Ein wahrhaft überzeugendes Beispiel von Mannesmut vor Fürstenthronen! Denn die Konsequenz war klar: Oken wird 1832 aus dem bayrischen Dienst entlassen und ist zum zweitenmal ohne Stellung.

 
Vergebliche Bemühungen in Freiburg

In dieser Situation setzt sich seine Heimatuniversität Freiburg für ihn ein. Der Senat stellt einen Antrag, Oken zu berufen, an die badische Regierung in Karlsruhe. Man hat an der Freiburger Universität nicht vergessen, mit welchem Schwung und mit welcher Hingabe Oken 1817 in der „Isis“ die Universität Freiburg gegen Pläne der badischen Regierung, die Universität aufzuheben, vereidigt hatte. Kaum eine Äußerung Okens trägt so persönliche Züge wie gerade die Verteidigung Freiburgs. Sie ist geprägt von einer gefühlvollen Bindung an diese Universität und Stadt, deren „himmlisch schöne Lage“ er rühmt. Mit der badischen Regierung und ihren schnöden Plänen geht er entsprechend ins Gericht. Aber was ihn in Freiburg der Universität empfiehlt, muss ihn in Karlsruhe der Regierung verdächtig machen. So schreibt der badische Minister Winter (sein Denkmal steht unweit des Karlsruher Hauptbahnhofs) an die Universität: „Ja, den Oken könntet Ihr noch gebrauchen in Freiburg, Ihr habt wohl noch nicht genug Liberale (gemeint waren der Historiker Rotteck und der Staatsrechtler Welcker!) Damit ist der Versuch, Oken an seine Heimatuniversität zurückzubringen, gescheitert.

 
Rektor Magnificus in Zürich

1833 erhält Oken schließlich einen Ruf an die neugegründete Universität Zürich, den er annimmt. Es wird ihm sogar die hohe Ehre zuteil, Gründungsrektor der neuen Universität zu werden. Die Berufung Okens ist in Zürich nicht unumstritten. Konservative Kräfte im kantonalen Erziehungsrat, der für die Ernennung des akademischen Lehrkörpers zuständig ist, sträuben sich gegen den unabhängigen, gelegentlich auch rücksichtslos und schroff auftretenden Oken. Sein Ruf eines unbeugsamen und unbequemen Liberalen ist selbstverständlich auch zur Limmat gedrungen. Aber gerade seine Unerschrockenheit und natürlich auch seine wissenschaftliche und philosophische Bedeutung empfehlen ihn andererseits, so dass die liberalen Kräfte im Erziehungsrat unter Führung von Bürgermeister Melchior Hirzel sich durchsetzen und Oken mit 8 gegen 3 Stimmen gewählt wird. Der mit Oken zugleich berufene Mediziner Joh. Lukas Schönlein schreibt in einem Brief vom 20. Febr. 1833 an Oken: Nägeli (ein Komponist), Hirzel und viele mit ihnen sind Ihre enthusiastischen Verehrer… dass sich einige Opposition gegen Ihre Berufung zeigte, darf Sie weder Wunder nehmen noch Sie gleich in Harnisch jagen….“ Aus den beschwichtigenden Worten Schönleins könnte man als Historiker schließen, dass er Oken und sein hitziges Temperament gekannt haben musste. Indes sind solche Vermutungen überflüssig. Schönlein stand mit Oken seit 1817 in Korrespondenz.
 
Am 29. April 1833 findet die Eröffnungsfeier der Züricher Universität statt. L. Oken hält nach Bürgermeister Hirzel die Festrede, die ihn wieder als Vertreter einer freiheitlichen, aufklärerischen Wissenschaft ausweist. So entwirft er ein Gesamtbild menschlicher Kulturentwicklung, in deren Darstellung er besonders enthusiastisch die Buchdruckerkunst preist, da erst diese den Kampf gegen Finsternis möglich gemacht habe. Kein Wunder also, wenn in der Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universität Zürich von 1938 Ernst Gagliardi schreibt: „Aufklärerische Akzente von Okens Rede mochten reformiert gläubiger Landbevölkerung so wenig wohllautend klingen wie dem orthodoxen Teile städtischer Einwohnerschaft.“
 
Solche Reserviertheit mancher Züricher gegenüber Wissenschaftlern wie Oken darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Oken — im ganzen gesehen — im Züricher Klima sich wohl fühlte. Schweizerische Nüchternheit, tatbereite Rechtschaffenheit und ein klarer Intellektualismus — allem Romantischen abhold — mögen Okens biederem Sinn eher entgegengekommen sein als anderen seiner deutschen Kollegen. (Alle Ordinarien der Züricher Universität sind 1833 Deutsche!) Ganz sicher wissen wir dass L. Oken weder in Jena, Weimar noch München jemals den Salonlöwen in der geistreichen Konversation literatisch-poetischer Zirkel spielte, wie ihm überhaupt alle Tändeleien fremd und überflüssig scheinen. In seinem (für heutige Leser kuriosen) Buch „Neues Frankreich, neues Deutschland“ von 1814 äußert er den seltsam anmutenden Vorschlag, die Tradition der alten Ratskeller wieder zu beleben, damit die Männer, unter sich und befreit vom lästigen Familienleben, ihre Gedanken austauschen könnten. Das wohl bietet die trocken nüchterne Atmosphäre des republikanischen Zürich.
 
So ist es auch nicht nur eine Frage des Älter- und Ruhigerwerdens, wenn es in Zürich stiller um L. Oken wird. Schließlich liefern die Verhältnisse auch kaum mehr Anlass zu herber und scharfer Kritik. Die Gemeinde Wipkingen bei Zürich bietet ihm das Bürgerrecht an, das Oken dankbar annimmt. Sein großer Ruf als akademische Lehrer und Forscher bleibt bis zu seinem Tode 1851 erhalten.
 
Viele hochinteressante Details aus Oken Leben, merkwürdige wie rührende Auffassungen und Stellungnahmen zu Problemen seiner Zeit musste ich hier unberücksichtigt lassen. Vieles aber aus Okens Leben, vor allem aus dem Bereich des Privaten und Persönlichen, ist noch gar nicht erforscht. Nirgendwo beispielsweise ist ein eigentlicher Übertritt des römisch-katholisch getauften Oken zum Protestantismus festzustellen. Doch ist seine Heirat sowie die Geburt seiner beiden Kinder in den Kirchenbüchern der evangelischen Gemeinde Jena eingetragen, und er selbst figuriert im Totenbuch des Großmünsters in Zürich als Mitglied dieser evangelischen Gemeinde.
 
(Übrigens musste es die Offenburger mit Stolz erfüllen zu wissen, dass Oken seinen einzigen Sohn, der allerdings sehr früh verstarb, nach dem legendären Gründer unserer Stadt „Offo“ nannte.)
 
Hier liegt noch ein weites Feld für den, dem die Beschäftigung mit einer bedeutenden Gestalt des 19. Jhs. angelegen ist. Dazu müssten allerdings die in verschiedenen Archiven ruhenden Briefe von und an Oken wissenschaftlich ausgewertet werden. Zu meinem großen Bedauern muss ich feststellen, dass die von Professor Dr. Batzer im Offenburger Archiv gesammelten Briefe Okens, auf die Jean Strohl in seinem Buch „L. Oken und Georg Büchner“ von 1936 noch lobend hinweist, verschwunden sind. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, ein wenig vom Geist und Wesen des Mannes zu vermitteln, nach dessen Namen wie er ihn sich selbst geschaffen hat unser Gymnasium benannt ist. Ich glaube, dass wir mit Fug und Recht auf einen solchen Namenspatron stolz sein können. Deswegen wünsche ich, dass dieser Schule immer etwas vom Geist dieses großen badischen Liberalen erhalten bleiben möge!
 

Auf den folgenden Seiten finden sich noch weitere Informationen zu unserem Namensgeber und seinen Schriften:
  

Die Geschichte unserer Schule

Ein tabellarischer Überblick über die Geschichte des Oken-Gymnasiums.
2018 Einführung des Profils IMP
2013 Stefan Joost wird neuer Schulleiter.
2012-2013 Neugestaltung des Schulhofes.
2000-2010 Umfangreiche Umbaumaßnahmen im Schulgebäude.
2008 Das Epochen-Unterrichtsmodell mit 4 Quartalen und überwiegend Doppelstunden wird für alle Schüler der Klassen 5-11 eingeführt.
2004 Das neue 8-jährige Gymnasium wird – für alle Schüler ab Klasse 5 – eingeführt.
2002 Das Sprachlabor, das mehr als 30 Jahre lang intensiv benutzt wurde, wird durch einen 2. Computer-Raum ersetzt.
2000 Das Oken-Gymnasium feiert sein 125-jähriges Bestehen.
1998 Manfred Kopp wird neuer Schulleiter.
Einführung des achtjährigen gymnasialen Zuges, als „Turbo-Zug“ für besonders begabte Schüler.
1983-1997 Klaus Schäffner Direktor des Oken-Gymnasium.
1972-1983 Klaus Faller leitet das Oken-Gymnasium.
1970 Die Großturnhalle wird in Betrieb genommen.
1969 Einweihung eines Erweiterungsbaus mit 19 Klassenzimmern und zusätzlichen Sonderräumen. Die Koedukation wird eingeführt. 300 Jungen und die entsprechende Anzahl Lehrer werden übernommen.
1963 Die Schule erhält ein eigenes Schulgebäude mit 14 Normalklassen und einem Sonderklassentrakt auf den Waldbachwiesen. Umzug ins jetzige Schulhaus.
1958 Die Schule kehrt in ihre alten Räume zurück.
1953 Erste Reifeprüfung nach dieser Unterbrechung.
1952 Wegen Rückgang der Schülerzahlen in den Nachkriegsjahren Verlust der Oberstufe. Erwin Schorpp wird Direktor.
1947-1952 Direktor Krumm
1946-1947 Direktor Schwarzmann
1946 Die „Ortenauschule“ wird im Gebäude der Schillerschule als „Okengymnasium“ umbenannt.
1945 Otto Kast übernimmt die kommissarische Leitung der Ortenauschule. Vier Schulen teilen sich im Schichtunterricht die Räume der Schillerschule (Schillergymnasium, Grimmelshausengymnasium, Handelsschule, Ortenauschule).
1944 Alle Schulen sind geschlossen, der Unterricht für die Oberprima wird jedoch im Pfarrhaus Weingarten fortgeführt.
1938 „Ortenauschule“: Durch die Genehmigung einer Oberstufe entsteht eine Mädchenoberrealschule.
1926 „Mädchenrealschule“
1924-1945 Direktor Hubert Rothfelder: Er setzt sich für die Einführung der Oberstufe ein.
1919-1924 Direktor Dr. Melchior Mayer
1914-1919 Direktor Josef Weber. Ab 1913 Recht ein Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule zu vereinen aber trotzdem noch Mädchenschule.
1911-1914 Direktor Ludwig Stuber
1881- 1911 Direktor Busch
1881 Aus der „Höheren Töchterschule“ wird eine „Höhere Mädchenschule“ als Mittelschule.
1875 Der Gemeinderat der Stadt Offenburg beschließt, die oberen Klassen der Mädchenvolksschule in eine „Höhere Töchterschule“ umzuwandeln. Die Offenburger Mädchenvolksschule und die Höhere Töchterschule sind in einem Schulhaus in der Wilhelmstraße vereinigt (jetzt Anne-Frank-Schule).
1823-1874 Die Offenburger Mädchenvolksschule ist dem „Weiblichen Lehr- und Erziehungsinstitut Notre Dame“ unterstellt.
 

Angefangen hat’s in der Wilhelmstraße: Der Offenburger Gemeinderat beschloss im Frühjahr 1875, die oberen Klassen der Mädchenvolksschule (im ehemaligen Gebäude der Anne-Frank-Schule) in die „Höhere Töchterschule“ (ab 1881 „Höhere Mädchenschule“) umzuwandeln – das war die Geburtsstunde des heutigen Oken-Gymnasiums.
 
Neben der Klosterschule war diese die einzige Mädchenschule in Offenburg. 1926 nannte sie sich „Mädchenrealschule« – dann war eine Angleichung an den Status der Jungenschule vollzogen. Eine regelrechte Oberstufe gab’s aber noch nicht, obwohl die Zahl der studierwilligen Schülerinnen stetig größer wurde. Im Januar 1938 wurde sie dann genehmigt. Die Reifeprüfung war seither möglich. Gleichzeitig hieß die Schule fortan „Ortenauschule“. Da die Klosterschule von den Nazis zugemacht wurde, stiegen die Schülerzahlen, berichtet Klaus Faller, von 1972 bis 1983 „Oken“-Direktor.
 
Der Zweite Weltkrieg begann. Obwohl 1944/45 viele Schulen geschlossen wurden, wurde der Unterricht für die „Oberprima“ im Pfarrhaus Weingarten fortgeführt, sodass die jungen Frauen im März 1945 ihr Abitur machen konnten. Aber auch das Schulhaus in der Wilhelmstraße musste Im Herbst 1944 geschlossen werden. Bomben und Tieffliegerangriffe, insbesondere am 27. November 1944, dem Tag des großen Luftangriffs auf Offenburg, gefährdeten das Leben der Schülerinnen und Lehrer.
 
Am 5. November 1945 wurde der Schulbetrieb unter der kommissarischen Leitung von Otto Kast wieder aufgenommen. Und zwar im Schichtbetrieg mit der Schillerschule, deren Schule besetzt war — zunächst in der Wilhelmstraße. Weil das Gebäude dort aber stark beschädigt war, wurde der Unterricht ’46 in die Schillerschule verlegt. Die französischen Truppen hatten diese wieder geräumt. Die Schule hieß seither Oken-Gymnasium. Das „Exil“ endete 1953. In den Weihnachtsferien ging’s zurück in die Wilhelmstraße — in die beengten Verhältnisse im zweiten Obergeschosses der Mädchenvolksschule. Erst nach langen Kämpfen sollte der Wunsch nach einem eigenen Schulhaus 1963 in Erfüllung gehen: Auf den „Waldbachwiesen“ wurde neben der dortigen Volksschule (heute: Waldbachschule) ein neues Gebäude mit 14 Klassenzimmern erstellt. Da die Schülerzahlen rasant zunahmen, mussten bereits fünf Jahre später wieder Baumaschinen anrücken. Das „Oken“ wurde auf 33 Zimmer erweitert.
 
Damit einhergehend, aber wesentlich einschneidender, war die Einführung der Koedukation: Plötzlich wurde aus der Mädchenschule eine gemischtes Gymnasium. „Vom Schillergymnasium wurden auf einen Schlag etwa 300 Buben übernommen“, erinnert sich Klaus Faller, „für manche Lehrerinnen, die noch nie an einer Bubenschule unterrichtet haben, war das sehr hart.“ Von der Zeller Straße wechselten auch einige Lehrer in die Vogesenstraße.
 
(Quelle: Dominik Thoma, Badische Zeitung, 8. 12. 2000)
 

1963: Ein eigenes Schulgebäude

Das große Ziel, ein der Vollanstalt entsprechendes eigenes Schulgebäude zu besitzen, dieser sehnliche Wunsch der Lehrer und Schülerinnen sollte erst nach langen Kämpfen 1963 in Erfüllung gehen. Auf den Waldbachwiesen wurde dieses Schulhaus mit 14 Normalklassen und einem Sonderklassentrakt durch das Städtische Hochbauamt erstellt. Erst damit hatte eigentlich die lange, schwere Nachkriegszeit ihr Ende gefunden.
 

1969: Gymnasium mit Koedukation

Als das neue Schulhaus eingeweiht wurde, ahnte noch niemand, wie schnell es zu klein werden sollte. Der Zugang zu den Gymnasien vergrößerte sich sprunghaft. Nach einem knappen halben Jahrzehnt mussten schon wieder die Baumaschinen anrollen, und 1969 feierte man wieder Einweihung. Sie galt einem Erweiterungsbau von 19 Klassenzimmern und zusätzlichen Sonderräumen. Dazu kam eine umwälzende Neuerung, die das Gesicht der Schule völlig veränderte: Die Koedukation wurde eingeführt. Nun konnte nicht nur die Tochter in die frühere Schule der Mutter gehen, sondern auch der Sohn. 300 Jungen des an Raumnot leidenden Schillergymnasiums und die entsprechende Anzahl Lehrer wurden übernommen. Schließlich wurde 1970 noch die Großturnhalle in Betrieb genommen. Aus der bescheidenen Schule von 247 Schülerinnen (1925) hatte sich ein großes Gymnasium entwickelt, das mit 1127 Schülern und Schülerinnen (1974/75) seine bislang höchste Schülerzahl erreicht hat.
 
Hundert Jahre einer Schule! Welche Neuerungen brachte beinahe jedes Jahrzehnt, wie mussten Fortschritte erkämpft werden! Wie hat sich das Gesicht der Anstalt gewandelt! Manche werden in diesen Tagen Rückschau halten, zurückdenken an ihre Jugend und an ihre alten Lehrer. Beim Treffen der „Ehemaligen“ am 19. April werden sich vielleicht Schulfreundinnen wiedersehen, die einst als junge Mädchen voneinander Abschied genommen haben und sich nun als Großmütter gegenüberstehen. Man möchte hoffen, dass nicht wenige nach kritischer Prüfung sagen werden: Die Schulzeit war doch die schönste Zeit.
 
(Quelle: O.K. – Badisches Tagblatt, 17. April 1975 (gekürzt))
 

1946 wurde der Unterricht in die inzwischen freigewordenen Räume der Schillerschule verlegt, vier Schulen mussten sich im Schichtunterricht in die Räume dieses Hauses teilen. (Schillergymnasium, Grimmelshausengymnasium, Handelsschule, Oken-Gymnasium). Erst in den Weihnachtsferien 1953 kehrte nach siebenjährigem „Exil“ die Schule in ihre alten Räume zurück, allerdings immer noch unter sehr beengten Verhältnissen. 
 
Der Rückgang der Schülerzahlen in den schweren Nachkriegsjahren führte 1952 noch einmal zum Verlust der Oberstufe, aber der damals sehr aktive Elternbeirat konnte erreichen, dass sie nach einigen Jahren wieder eingeführt wurde. 1958 fand wieder die erste Reifeprüfung nach dieser Unterbrechung statt.
 
Mit dem Beginn der Besatzungszeit wurden die bisherigen Direktoren aller Schulen ausgeschaltet, die Zulassung der Lehrer musste von der Besatzungsbehörde genehmigt werden. Im November 1945 wurde die Schule wieder unter der kommissarischen Leitung von Otto Kast eröffnet, damals waren V. Schmitz-Auerbach, Straub, Barnstedt, Doll, Speck, Wolf, Tirlow, Braxmeier, Bühr, Baitsch, Haas, Frank an der Schule tätig. Bis 1950 kamen noch Wetterer, Wetzel, Gleim hinzu.
 
Wenige Jahre nur waren in der Leitung der Schule Direktor Schwarzmann (46-47) und Direktor Krumm (47-50) tätig, dann folgten Direktor Schorpp (50-72) und Direktor Klaus Faller. Nennen wir noch abschließend die Namen des Kollegiums 1963, im Jahr des Umzugs in das neue Schulhaus: Barnstedt, Appel, Bengel, Bohn, Faller, Fuhrländer, Habich, Herb, Irslinger, Kast, Meyer, Riedel, Tolz, Zitzmann.
 
(Quelle: O.K. – Badisches Tagblatt, 17. April 1975 (gekürzt))
 

1938: Ortenauschule

Von der Mädchenrealschule zur Mädchenoberrealschule — das war wieder ein lange umkämpfter Schritt, für die Stadt Offenburg wieder eine finanzielle Frage. Im Januar 1938 wurde die lange gewünschte Oberstufe genehmigt. Noch ahnte damals niemand, dass die für 1941 zu erwartende erste Reifeprüfung in die Zeit des zweiten Weltkriegs fallen würde. Etwas Besonderes verdient Erwähnung: Während rings im Land 1944/45 alle Schulen geschlossen waren, wurde der Unterricht für die Oberprima im Pfarrhaus Weingarten fortgeführt, und im März 1945 konnte die Klasse ihre Reifeprüfung ablegen.
 

Der Zweite Weltkrieg

Beide Weltkriege brachten tiefe Einschnitte in das Schulleben. Einberufung von Lehrern, Verminderung der Stundenzahlen, Fliegeralarme, Kohlenferien, Beginn des Unterrichts um 10 Uhr nach nächtlichen Alarmen, Sammelaktionen aller Art belasteten die Schulen. Im Herbst 1944 mussten die Offenburger Schulen endgültig geschlossen werden, denn Bomben und Tieffliegerangriffe und schließlich das Granatfeuer machten, da sie Schülerinnen und Lehrpersonal gefährdeten, ein weiteres Unterrichten unmöglich. Im Dezember 1944 starb Hausmeister Kiefer an einer Verletzung durch Granatsplitter, die ihn in seinem Dienstzimmer getroffen hatten.
 
Über ein Jahr sollte vergehen, bis nach der Einstellung des Unterrichts im Herbst 1944 wieder neu angefangen werden konnte. Die turbulenten Ereignisse der letzten Kriegsmonate und der ersten Besatzungszeit lagen dazwischen.
 
Das Schillergymnasium war von französischen Truppen belegt, das Knabenvolksschulhaus hatte einen Bombenvolltreffer erhalten. So begann am 5. November 1945 die Schule gemeinsam mit der Schillerschule in den alten Schulräumen in der Wilhelmstraße im Schichtunterricht.
 
Doch wie sah es da aus! Der Physiksaal und ein Schulraum hatten einen Granattreffer bekommen, die vielen zerstörten Fensterscheiben mussten durch Holzverschläge ersetzt werden, die Sammlungen waren geplündert.
 
(Quelle: O.K. – Badisches Tagblatt, 17. April 1975 (gekürzt))
 

1881-1926: Höhere Mädchenschule

Als 1881 aus der „Höheren Töchterschule“ eine „Höhere Mädchenschule“ wurde, war dies keineswegs nur ein neuer Name. Der Staat hatte inzwischen die Grundlagen zur Entwicklung der Höheren Mädchenschulen geschaffen, und für die Offenburger Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Volk war es damals ein umkämpfter Entschluss, die notwendigen Mittel bereitzustellen und so die finanziellen Voraussetzungen zu schaffen. Von 1882 an wurden auch die Leitung, die Lehrkräfte und der Etat von der Volksschule getrennt geführt.
 
Von Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit war allerdings noch lange nicht die Rede. Wenn man liest, dass damals das Schulgeld von 16 auf 36 Mark erhöht wurde, so muss man wissen, dass in jener Zeit das Durchschnittseinkommen der Bürger bei monatlich 150 Mark lag. Bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein kostete es in mancher Familie ernsthafte Überlegungen, ob man Schulgeld und Schulbücher für die Tochter im Familienhaushalt verkraften könne.
 
Daraus erklärt es sich auch, dass bei dem gleichzeitigen Bestehen zweier Mädchenanstalten in Offenburg, Klosterschule und Höhere Mädchenschule, die letztere verhältnismäßig klein blieb. 1925 waren es 247 Schülerinnen in 7 Klassen, die von der Sexta bis zur Untersekunda (Mittlere Reife, früh. „Einjähriges“) führten und zu der darüber angegliederten „Frauenschule“ (früher (Selekta), die der Obersekunda entsprach.
 

1926: Mädchenrealschule

Direktor Hubert Rothfelder (1924-45) verdankt die Schule vieles, nicht zuletzt die Einführung der Oberstufe. Das Kollegium unter seiner Leitung Ende der zwanziger Jahre weist die Namen Stärk, Hefner, Dr. Hiß, Weber, Göller, Birmelin, Miltner, Bauer, Spatz, Wipper und Blattmann auf; mit ihren Namen leuchtet die Erinnerung an manche Schulstunde auf.
 
Die im Jahre 1926 eingeführte Bezeichnung „Mädchenrealschule“ ist kennzeichnend für die Angleichung der Höheren Mädchenschulen an den Status der Jungenschulen. Stand früher mehr ein weibliches Erziehungsziel im Vordergrund, so wurden nun bei gleichen Berichtigungen auch gleiche Lehrpläne eingeführt. Schon seit 1913 konnten Mädchen in die Oberstufe einer Oberrealschule für Jungen übertreten, allerdings nur unter gewissen Bedingungen; jetzt berechtigte das Zeugnis ohne weiteres, in einer Oberstufe das Abitur anzustreben.
 
Immer größer wurde die Zahl der Mädchen, die studieren wollten, und so traten z.B. schon 1925 16 Mädchen aus der Untersekunda der Höheren Mädchenschule in die Oberrealschule über. Aus der Elternschaft wurde der Ruf nach einer eigenen Oberstufe immer lauter, es war eines der Themen der 50-Jahrfeier 1925.
 
(Quelle: O.K. – Badisches Tagblatt, 17. April 1975 (gekürzt))
 

Höhere Töchterschule: Aus den oberen Klassen der Mädchenvolksschule hervorgegangen
Als 1950 die 75-Jahrfeier des Okengymnasiums begangen wurde, fühlten sich manche ehemaligen Schülerinnen nicht angesprochen; sie hatten nicht erfahren, dass das „ihre“ Schule war, die frühere „Höhere Mädchenschule“, die seit 1926 Mädchenrealschule und seit 1938 Ortenauschule, Oberschule für Mädchen, geheißen hatte. Dieser Wechsel ist kennzeichnend für die hundertjährige Geschichte der Schule. Für die Zeit vor der Gründung muss man wissen, dass die gesamte Offenburger Mädchenvolksschule dem „Weiblichen Lehr- und Erziehungsinstitut Notre Dame“ unterstellt war (1823-74). Im Frühjahr 1875 beschloss der Gemeinderat der Stadt Offenburg, die oberen Klassen der Mädchenvolksschule in eine „Höhere Töchterschule“ — dies ist die allererste Bezeichnung der Anstalt — umzuwandeln.
 
Dass dabei die Offenburger Mädchenvolksschule und die Höhere Töchterschule in einem Schulhaus in der Wilhelmstraße vereinigt waren, davon zeugte noch lange (bis nach dem zweiten Weltkrieg) die Aufschrift: „Städtische Mädchenschulen“.
 
In der Anfangszeit wechselten die Schulleitern recht oft. Bis 1911 leitete Direktor Busch die Schule. Ihm folgten Ludwig Stuber 1911-1914, Josef Weber 1914-19, Dr. Melchior Mayer 1919-24.
 
(Quelle: O.K. – Badisches Tagblatt, 17. April 1975 (gekürzt))